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Siedlungen am Stadtrand – eine Zeitbombe für die Gesellschaft

Asunción: Stadtrandsiedlungen sind explosive Phänomene ohne Kontrolle, wenn es nach einigen Soziologen geht. Egal welche Gruppe von Einwohnern, die über kein sicheres Einkommen verfügt und deren Jugendliche nicht arbeiten ist ein Schmelztiegel für Verbrechen. Die Grenzen der nationalen Städte verlaufen quasi schwimmend und nehmen an Größe zu. Diese Bereiche allerdings verfügen über keine Wasser- oder Abwasseranschlüsse, keine geplanten Straßen oder gar Wasseraufbereitungsanlagen. Epidemien ganz gleich welcher Art verbreiten sich in Windeseile unter den Bewohnern.

Es wird Zeit etwas gegen das planlose Dasein zu unternehmen. Hier erfahren wir die Meinung einiger professioneller Soziologen.

„Wir haben ein explosives Phänomen, außer Kontrolle und jeglicher Planung. Die Leute die entweder vom Land in die Stadt gehen müssen oder gehen wollen haben drei Ziele. Madrid, Buenos Aires oder Asunción. Wenn sie nach Asunción kommen dann meist in eine Randzone, die nah am Wasser liegt, erklärt der Soziologe Ramón Fogel.

Er fügt hinzu „dass sie in die Städte kommen ohne Möglichkeiten produktiv zu sein da es keine paraguayische Produktivität gibt an der man teilnehmen könnte. Was wir sehen können ist eine industrielle Beteiligung des Landes an der Wirtschaft. Allerdings ist diese sehr gering im Vergleich zu Nachbarländern. Somit kommen die Menschen und bauen spontan einfachste Siedlungen auf, ohne Pläne ohne einfachste hygienische Dienste“.

„Die armen Menschen kann man leicht kriminalisieren. Man muss die Menschen warnen, dass wenn sie versuchen in die Stadt zu kommen und keine Arbeit finden dann ziemlich sicher ist, dass sie Verbrechen begehen“, so der Soziologe.

Die Risiken, dass die armen Leute weiter kriminalisiert werden sind hoch. Drogen- und Alkoholkonsum sowie Raub und Prostitution sind somit unausweichlich.

„Die Jugendlichen die in die Stadt kommen und weder die Schuld besuchen noch arbeiten haben sind zu 60 % gefährdet in die Illegalität abzurutschen. Und wenn dann Drogen dazu kommen um Probleme zu lösen wird auch wegen einem Handy gemordet. Diese Jugendlichen, von denen es mehr gibt als viele vermuten würden, sind im Denken beeinträchtig“, erklärt Fogel.

„Leider nähern wir uns nicht der Lösung des Problems sondern eher einer Verschlimmerung. In zwei Arten kann sich eine Gesellschaft entwickeln. Eine Gesellschaft wo alle Leute integriert sind, die sich den sozialen Normen nach bilden und ein normales rechtsschaffendes Leben führen oder das andere Extrem indem sich eine Gesellschaft bildet, die sich an keine Rechte und Normen hält. Diese nennt sich nicht integrierte Gesellschaft. Derzeitig befinden wir uns in Paraguay näher an der zweiten Variante“, so Fogel.

Das Problem ist dass es immer schlimmer wird, nicht nur im sozialen Bereich sondern auch im Bereich Umwelt. Das Grundwasser ist schon verschmutzt. Wir haben unzählige schwarze Bäche aber keine Wiederaufbereitungsanlagen. Cholera und Dengue sind in dem dreckigen Sumpf nicht zu verhindern.

Die Lösung liegt ganz klar im Immigrationsstopp. Man muss die Gründe herausfinden warum die Leute vom Land in die Stadt gehen und daraufhin in den Campo investieren.

Außerhalb der Konkurrenz

Der Soziologe Luis Galeano sieht den Grund für das Problem im Produktionsmodell, welches den Indigenen keine Beteiligung bietet. Eine Landreform gibt es quasi keine, somit kein Land im Inneren und keine Arbeit in der Hauptstadt. Um eine Verschlimmerung zu vermeiden muss die Regierung Programme zu Hilfe ankurbeln wodurch Familien eine Lebensgrundlage aufbauen können und Kinder in die Schule gehen.

„Das Ureinwohner in die Städte kommen, hat keine lange Geschichte. Paraguay war eines der letzten Länder Südamerikas indem eine Urbanisation stattfand, erst in den 90ern begann diese. Der Landzugang wurde den meisten versperrt womit viele ohne Arbeit dastanden. Der Weg in die Stadt ist somit nachvollziehbar. Das allerdings beschränkt sich nicht nur auf Asunción. Diese Siedlungen sind in fast allen größeren Städten zu finden, sei es Ciudad del Este, Encarnación usw.“, erklärte er.

„Das größte Ausmaß allerdings erkennt man zweifellos in Asunción und den angrenzenden Städten“, wie Galeano sagt. Das Verhältnis der alten und der neuen Stadtbevölkerung verschiebt sich zunehmend und sorgt für einen Rückgang des Wohlbefindens und der Zunahme von Arbeitslosigkeit. Einigen, denen sogar einfachste Arbeiten verwehrt bleiben werden dann kriminell. Dazu summieren sich die, die niemals Arbeiten wollten.

Das Limit an Bildung ist ebenso ein großer Nachteil um in einer Stadt wie Asunción Karriere zu machen. Viele der Zuwanderer haben nicht einmal die Grundschule beendet, erklärt Galeano.

Im landwirtschaftlichen Sektor der traditionellen Feldarbeitsprovinzen wie Caaguazú, San Pedro, Caazapá und Teilen von Concepción kam auch der Fortschritt durch Maschinen hinzu, der Arbeitskräfte nicht mehr in der Zahl benötigt wie es früher einmal der Fall war.

Galeano hält es für notwendig, dass der Staat soziale Programme anschiebt die die Armut attackieren. „In Brasilien sind mit solchen Programmen sehenswerte Fortschritte erreicht wurden. Familien die merken dass sie jemand unetrstützt und nicht dass sie vom Staat vergessen werden lassen ihre Kinder auch mehr Zeit in der Schule was ihrer Zukunft zugutekommt. Eine Reihe von Programmen die Arbeitsplätze schafft ist auch unausweichlich“, schloss Galeano ab.

(Wochenblatt / Abc)


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8 Kommentare zu “Siedlungen am Stadtrand – eine Zeitbombe für die Gesellschaft
  1. Sukowsky schrieb am :

    Eine wilde Ansiedlung sollten auf jeden Fall die Gesetzeshüter in Asuncion vermeiden. Schlechte Beispiele in Brasilien und in anderen Ländern zeigen, das es Chaos und die immense Unsicherheit mit sich bringt.
    Dagegen ist eine soziale Städteplanung einzufordern!

  2. Fritz schrieb am :

    Ich bin kein Soziologe, meine aber das Problem nachvollziehen zu können. Dennoch: was heisst “Planloses Dasein”? Sollen die Habitate wie in China geplant werden? Will da jemand wohnen?
    Wer kriminell ist, weiss, dass er eines Tages vor den Richter muss. Sind diese Menschen grundsätzlich kriminell? Wollen und müssen wirklich alle IN ASUNCION arbeiten? Sollte der Staat nicht in Bildung, Infrastruktur und Sicherheit vor Ort investieren? Schafft dies nicht Arbeitsplätze? Würden aus den Schülern alles nur kriminelle? Braucht es in der Agglomeration nicht Strassen, Läden und damit auch Wasseraufbereitungsanlagen? (wenn Steuerzahlende vorhanden, dann sollte dies auch finanziert werden können.)
    Welche Stadt wurde denn schon geplant, ausser in Russland und China? Asu? Nein, es ist normal, dass Grundbesitzer auf ihrem Land in einem gewissen rechtlichen Rahmen tun und lassen können was sie möchten.

    Wenn die Soziologen schon “ein explosives Phänomen, außer Kontrolle und jeglicher Planung” gefunden haben, dann ist es aber Zeit aktiv einzugreifen. Wo liegt das Problem Schulen und Wasseraufbereitungsanlagen da zu bauen? Hätte Asuncion nicht auch ein Problem ohne Schulen, Polizeistationen und Wasseraufbereitungsanlagen? Haben diese Menschen nicht ein recht auf Infrastruktur?

    Dass die Bevölkerung wächst sollte erst recht für Soziologen nichts Neues sein. Auch die Urbanisierung der Menschheit. Vor 200 Jahren lebten die meisten Menschen noch auf dem Land. Vor ein paar Jahren lebten erstmals mehr Menschen in Städten.

    “…bauen spontan einfachste Siedlungen auf, ohne Pläne ohne einfachste hygienische Dienste”. Natürlich, keine Familie baut nebst Haus auch noch eine Schule, ein Spital oder Feuerwehrhaus etc. auf. Das ist wirklich Aufgabe des Staates.
    Schon klar, wer finanziert dies. Es ist aber nun mal so.

    Ja, wer nicht mit den Kühen leben möchte, zieht es in Stadtnähe. Wer kann sich schon Grund in Asuncion selbst leisten? Was muss der Staat tun? Dort Land kaufen um Infrastruktur bereitzustellen! Das hat auch etwas mit Planung zu tun. Wenn auf 100 Ha nur Häuschen stehen und kein Feuerwehrhaus, dann kann es nicht funktionieren.

    Meine Meinung ist: Ist ein gesundes Verhältnis von Infrastruktur des Staates gegeben, so fühlen sich auch die Bewohner wohl, haben Bildung und Arbeit und finanzieren somit mit. Wieso soll die Industrie dies bezahlen? Die Menschen, die dort leben, sollen dies in Form lokaler Steuern bezahlen.

    Naja, ganz so einfach ist es wohl nicht. Aber: Problem erkannt, also weiter klagen und nichts tun.

  3. Peter schrieb am :

    Ich muss Fritz beipflichten. Aus meiner Sicht sind die Basics nicht in Ordnung. Wie im Artikel erwähnt hält sich doch keiner an irgendwelche Spielregeln. Für mich ist der wichtigste Grund für den Schlamassel, dass die Schulbildung nichts taugt (Schulpflicht ja, aber keiner kontrolliert das!!!) und es auch keine nachfolgende Ausbildung im klassichen Sinne gibt. An diesem Punkt ist die Industrie gefragt, die auch mal lernen muss, dass man nur mit gut ausgebildetem Personal gute Produkte herstellen kann. Warum verlangt selbst der Einheimische in der Ferreteria nur ausländische Produkte. Nationale will doch wirklich nur der, der nur wenig Geld hat. Es ist ein Teufelskreis, aus dem keiner ausbrechen will. Lieber genehmigt sich die Regierung ein 3/4 Milliarde Dollar an Gehaltserhöhung. Mit diesem Geld könnte man wirklich mal das Bildungssystem anschieben.

  4. Sukowsky schrieb am :

    Meine Meinung dazu nochmal ausführlicher.
    Zu Beginn hat die spanischen Kolonialregierungen wohl eine systematische Städteplanung betrieben.
    In Deutschland ist die Land-und Stadtentwicklungsplanung fest verankert mit separater Industrieansiedlung. Die Wohnsiedlungen richten sich nach einem Bebauungsplan um die Strom und Wasserleitungen mit Abwässer und Kläranlagen sicherzustellen. —- In Paraguay gelten normalerweise auch ähnliche Rechtsverordnungen mit Bebauungspläne.

    Eine wilde Landbesitznahme für Wohnsiedlungen ist strikt abzulehnen. Viele Barriadas (Slams) in Südamerika besonders die Favelas in Brasilien sind Brutstätten der Gesetzeslosigkeit.
    Werden nicht zur Zeit die Favelas in Brasilien für die WM plattgemacht!
    Nach meinen Erfahrungen leben die Menschen menschenwürdiger auf dem Lande als zugewandert ohne Arbeit in den Städten.
    Wo viele Menschen auf einen Haufen zusammenleben braucht es eine Raumordnung, das war auch schon in der Antike so!

  5. 9mm schrieb am :

    Wie sie alle klug schreiben!

    Müßte, bräuchte, sollte. Paraguay ist nicht Deutschland Leute.

    Erinnert mich an die aus D gespendeten Schultaschen für die Indianerschule im Chaco. Die fanden sie ganz schön und haben sie auch verwendet….sie hatten nur weder Bücher, Hefte, Papiere oder Stifte zum Hineintun.

    DAS ist die Realität am Lande hier. Die Leute in den Slums sind dort, weil sie A R M sind. Niemand baut denen Schulen oder kümmert sich um Bebauungspläne – die Menschen sind froh, wenn sie irgendwie satt werden.

    “Haben diese Menschen nicht ein recht auf Infrastruktur?”
    Nein, diese Menschen haben in Paraguay keinerlei Rechte; sie sind arm.

    “Nationale will doch wirklich nur der, der nur wenig Geld hat.”
    Ja, also etwa 90% aller Paraguayer. Für die wird das Zeug auch gemacht – so billig wie nur irgend möglich. Mit Gs 25 000 am Tag als Lohn lebst du am Limit.

    “Die Menschen, die dort leben, sollen dies in Form lokaler Steuern bezahlen.”
    Haha guter Witz! Einem nackten Mann kannst du nicht in die Tasche greifen.

    • Sukowsky schrieb am :

      Ist doch klar, wir wollen nicht das Paraguay wie Deutschland wird. Es gibt aber weltweite allgemeingültige Standards die eingehalten müssen. Das gilt für die Reichen (keine Korruption) ebenso für die materiell Armen die nicht, mir dir nichts, Land besetzen.

  6. Fritz schrieb am :

    Wie ist es möglich in Paraguay straf-frei Land zu besetzen? Ich meine, irgend jemandem muss Land doch gehören. Es kann doch nicht angehen, dass Menschen vom Land sich einfach auf ein Land setzen. Die Rechte bleiben doch ungeklärt, d.h. ich würde nie mein Haus auf Land, welches mir nicht gehört, bauen.

    Ich suche noch ein Tereno in Paraguay. Bin aber überzeugt, wenn ich mich in irgend einen Garten setzen würde und sagte: «Das ist jetzt meines» (ohne es gekauft zu haben), dann würde ich aber bald in Handschellen im Chaco ausgesetzt.

    Obwohl ich nicht dafür bin alles zu reglementieren, bin ich gar nicht dafür, dass Menschen in Stadtnähe einfach wild sich ansiedeln. Sowas muss polizeilich geräumt werden.

    Ich meine ja, dass es immer noch in der Hand des Staats liegt, Landlosen Land zu schenken, was aber auch bedeutet, dass unter dem Strich dies der Steuerzahler tut. Dann soll aber niemand dem geschenkten Gaul ins Maul schauen. Schon möglich, dass vor hunderten Jahren Land den Vorfahren gehört haben mag, aber das ist eine andere Geschichte.

    Aber wenn der Staat Land schenkt ist dies zu gutmütig. Der Staat sollte besser Land in Form von Mikrokrediten vor-finanzieren. Erst wenn der Kredit zurückbezahlt ist, ist man auch Eigentümer. So würde sich mancher am Riemen reissen, um der Gesellschaft auch wirtschaftlich etwas beizutragen, statt sich in einen fremden Garten zu setzen und dann nur noch betteln, stehlen und die Zeit mit Nichtstun totzuschlagen.

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