Gefängnis als Livestream: Wenn Kriminelle zu Idolen für Zehnjährige werden

Asunción: Juan Martens prangert die “Anomie“ an, die Straftaten unter Jugendlichen befeuert. Der Kriminologe warnt, dass die Kombination aus familiärem, sozialem und medialem Versagen Gewalt und Drogenhandel normalisiert. Dies führe zu einer Generation von Jugendlichen, die bereits in frühem Alter kriminellen Verhaltensmustern ausgesetzt sind.

„Eine Straftat erzählt uns vom Scheitern der Familie, vom Scheitern der sozialen Sicherungssysteme und vor allem vom Scheitern der Integration in ein produktives Leben durch Bildung und Arbeit in der legalen Wirtschaft. Das ist der erste Punkt, den wir verstehen müssen“, so Martens.

Der Experte betonte, dass Menschen Straftaten nicht begehen, weil sie “im Kern böse“ seien oder “den ganzen Tag an der Ecke herumlungern und trinken“ wollten, sondern weil die familiären und sozialen Unterstützungssysteme versagt haben. „Das ist ein zentraler Aspekt“, bekräftigte er.

Die Medienkultur, die das Verbrechen verherrlicht

Martens kritisierte den Einfluss von Narrativen, die das Verbrechen feiern: „Wir haben heute Kommunikationsstrukturen und Erzählweisen, in denen die ’Königin des Südens’ oder der Drogenboss, der die US-Grenze überquert hat, gefeiert werden… es gibt ’Narcocorrido’-Lieder, Narco-Spielzeuge, eine Narco-Ästhetik und Narco-Barbies. Die Gesellschaft applaudiert ständig denjenigen, die durch Kriminalität vorankommen.“

Laut dem Kriminologen hat dies sichtbare Folgen: „Es überrascht nicht, dass wir Zwanzigjährige mit fünf Gefängnisaufenthalten haben oder junge Menschen, die zum Stehlen ausgehen und dabei töten. Das ist nicht allein eine individuelle Entscheidung oder Verantwortung.“

Soziale Medien: Schauplatz früher Gewalterfahrung

Plattformen wie TikTok ermöglichen es Kindern und Jugendlichen, gefährliche Verhaltensweisen zu reproduzieren. „Auf TikTok sieht man bereits Zehnjährige, die Drohgesten machen oder Gewalt in den Bildunterschriften androhen… Oft haben sie nicht einmal Angst, ihr Gesicht zu zeigen, während sie Schusswaffen halten. Was macht ein zehnjähriges Kind auf TikTok? Das ist ein soziales und familiäres Versagen“, warnte Martens.

Der Kriminologe wies auch darauf hin, wie die Übertragung des Gefängnislebens zum Spektakel geworden ist: „Mitglieder von Banden wie dem Clan Rotela oder dem PCC streamen live auf TikTok aus den Gefängnissen des Landes und erzählen, was sie tun. Das wird gesehen und bewertet, und es gibt Menschen, die anfangen zu sagen: ’Ich möchte auch so sein’, weil sie ein sehr romantisiertes Bild der Kriminalität und des Drogenhandels vermitteln.“

Untergrabene Werte: Die Anomie, die die Gesellschaft zersetzt

Martens schloss mit einem kritischen Appell zum Verfall der Werte ab: „Man könnte, um einen kriminologischen Fachbegriff zu verwenden, sagen, dass wir uns in einer Situation der Anomie befinden. Die Regeln des sozialen Aufstiegs sind nicht mehr demokratische Werte oder der Respekt vor dem Leben und dem Eigentum, sondern die Werte, die wir verbreiten, beziehen sich auf das schnelle Geld durch Drogenhandel und Gewalt.“

Der Spezialist drängte auf die Notwendigkeit, junge Menschen wieder mit grundlegenden Werten zu verbinden: „Wir leben in einer anomischen Gesellschaft, in der verfassungsrechtliche und demokratische Werte nicht mehr vermittelt werden. Wir überzeugen junge Paraguayer nicht mehr vom Wert des Lebens und des Respekts, sondern von Werten, die auf Profit und Befriedigung durch Delikte und Kriminalität basieren.“

Wochenblatt / El Nacional / Beitragsbild Archiv

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