Zwei Welten, eine Identität: Wie David Heinzerling nach 18 Jahren seine Wurzeln in Paraguay fand

Asunción: David Heinzerling (36) wurde in den 1990er-Jahren aus Paraguay in die USA adoptiert – einer Zeit, in der Tausende paraguayische Kinder das Land durch internationale Adoptionen verließen. Nachdem er im Alter von 18 Jahren seine biologische Familie fand, hofft er nun, dass seine Geschichte die Aufmerksamkeit auf jene Adoptierten lenkt, die auch Jahrzehnte später noch nach Antworten suchen.

Wenig mehr als ein Name auf den Adoptionspapieren

In den ersten 18 Jahren seines Lebens war Paraguay für David Heinzerling kaum mehr als ein Ortsname auf seinen Adoptionspapieren. Er wusste, dass er 1990 in dem südamerikanischen Land geboren und von einer US-amerikanischen Mutter adoptiert worden war. Heinzerling schaute sich alte VHS-Aufnahmen an, die sie gemacht hatte, während sie in Paraguay darauf wartete, dass ein Richter die Adoption genehmigte. Er wusste, dass er anders aussah als die Frau, die ihn in New York City großzog.

Dennoch blieb das Land seiner Geburt eher eine abstrakte Vorstellung als eine gelebte Realität. Heute – nachdem er das Land fünfmal besucht hat – spricht Heinzerling mehrmals Woche mit seinen Verwandten in Paraguay, hat seine paraguayischen Staatsbürgerschaftsdokumente erneuert und denkt nach eigener Aussage jeden Tag an das Land.

„Ich bin Amerikaner“, aber ich bin auch Paraguayo. Ich bin gesegnet. Meine Familie hat mich angenommen,“ sagt er.

Das Gefühl, Paraguayo zu sein

Heinzerling erzählt, dass seine Adoptivmutter die Wahrheit nie verschwiegen hat.

„Seit ich denken kann, hat sie mir gesagt, dass ich aus Paraguay adoptiert wurde. Ich verstand damals zwar nicht wirklich, was das bedeutete – ich war einfach ein glückliches Kind. Aber meine Mutter versuchte auch, meine Verbindung zu Paraguay aufrechtzuerhalten. Der Richter, der die Adoption leitete, hatte sie bitten lassen zu versprechen, dass sie mir etwas über mein Geburtsland beibringen würde,“ berichtet er und fügt an:

„Es gab dort viele spanischsprachige Menschen, aber nicht viele Paraguayos. Ich bin in Manhattan aufgewachsen, aber für die Highschool schickte mich meine Adoptivmutter auf eine Schule in Queens, damit ich andere Paraguayos kennenlerne. Der Zweck des Unterrichts war es, den Kindern Guaraní beizubringen. Ich sprach damals nicht einmal Spanisch. Ich ging also mit anderen paraguayischen Einwanderern zur Schule, die alle Englisch und Spanisch sprachen, aber die meisten von ihnen konnten kein Guaraní. Vor dem Unterricht spielte die Schule die paraguayische Nationalhymne ab, während die Flagge gehisst wurde. Das war das erste Mal, dass ich mich tatsächlich wie ein Paraguayo fühlte.“

Ich habe nicht darum gebeten, sie zu suchen

Alles änderte sich, als Heinzerling 18 Jahre alt wurde. „Ich lernte meine leibliche Familie kennen, weil ich ein verlorener Junge war, eine verlorene Seele. Meine Adoptivmutter sah, dass ich womöglich auf die schiefe Bahn geriet und dass ich das für mich selbst brauchte. Ich hatte nicht darum gebeten, sie zu sehen, aber meine Adoptivmutter erkannte dieses Bedürfnis. Sie beauftragte einen Ermittler, der sie sehr schnell fand – es dauerte etwa einen Monat. Sobald wir wussten, dass meine leibliche Mutter ausfindig gemacht worden war, buchten wir sofort die Reise,“ berichtet er weiter.

Nichts hätte ihn auf das vorbereiten können, was dann geschah.

„Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich zusammen mit meinen Brüdern meine leibliche Mutter traf. Ich wusste bis dahin nicht einmal, dass ich eine Familie hatte.“ Wenige Tage später luden ihn Verwandte ein, seinen Geburtstag in der Stadt Lambaré zu feiern. „Sie hatten Kuchen und Essen vorbereitet, spielten Cumbia und tanzten. Es war das erste Mal, dass ich meine paraguayische Familie sah,“ betont er.

Eine Sprache lernen, um Beziehungen aufzubauen

Die Rückkehr nach Paraguay weckte eine neue Herausforderung: Heinzerling wollte Gespräche ohne Dolmetscher führen. Innerhalb von etwa einem Jahr brachte er sich durch Online-Lektionen, Videos und ständige Gespräche mit Verwandten selbst Spanisch bei.

„Ich habe schon vor meiner Reise über WhatsApp mit meinen Brüdern und meiner kleinen Schwester gesprochen. Ich wusste, dass sie wieder eine Feier schmeißen würden, und ich wollte jeden verstehen,“ erklärt er.

Heute gehören die Gespräche mit seiner Familie zum Alltag. Zudem hat er seinen paraguayischen Personalausweis (Cedula) neu beantragt und damit etwas offiziell gemacht, was er gefühlsmäßig längst wusste.

„Ich bin offiziell paraguayischer Staatsbürger“, sagt er herzlich. Doch obwohl Heinzerling seine leiblichen Verwandten schnell fand, weiß er, dass viele andere Adoptierte dieses Glück nicht hatten.

Manche Menschen würden zu gerne wissen, wer ihre Familien sind. Manche haben gefälschte Papiere.

Solche Vorwürfe wurden in Untersuchungen zu unregelmäßigen internationalen Adoptionen während der letzten Jahre der Stroessner-Diktatur und des demokratischen Übergangs dokumentiert. Menschenrechtsorganisationen haben Fälle von Dokumentenfälschung und Korruption aufgedeckt, wenngleich die Erfahrungen stark variieren und viele Adoptionen rechtmäßig abliefen.

Der Blick nach vorn

Heute beschreibt Heinzerling seine Adoption mit zwei scheinbar widersprüchlichen Worten:

„Für mich ist es fast wie ein Segen und ein Fluch zugleich. Denn es hat sehr wegetan zu wissen, dass ich adoptiert wurde, keinen Vater hatte und mich in den USA mit Rassismus auseinandersetzen musste. Es war nicht leicht, damit umzugehen, ebenso wie mit den vielen Identitätsfragen, die ich durchlaufen musste. Aber wenn ich darüber nachdenke, hatte ich dadurch die Möglichkeit, zu studieren und einen Master-Abschluss zu machen. Ich bin der Erste in meiner Familie mit einem Master-Titel. Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand aus meiner Familie auf der Universität war.“

Nach seinem Studium und einem Master-Abschluss in Immobilienfinanzierung baute sich Heinzerling eine Karriere in der New Yorker Immobilienbranche auf. Anstatt seine Bildung als etwas zu sehen, das ihn von Paraguay trennt, glaubt er, dass sie ihm die Möglichkeit gibt, etwas zurückzugeben.

„Ich würde mein Wissen eines Tages sehr gerne nach Paraguay bringen. Ich möchte meiner Familie helfen. Und ich möchte anderen paraguayischen Adoptivkindern helfen,“ betont er abschließend.

Seine zwei Hälften repräsentieren ein Leben zwischen Kontinenten, Sprachen und Generationen. Er ist inzwischen verheiratet, hat eine Tochter und hofft, dass seine Geschichte erneut Diskussionen über die Geschichte internationaler Adoptionen im Land anstößt.

Wochenblatt / Asunción Times

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