Asunción: Architektur ist weit mehr als nur Baumaterialien und Baupläne – sie ist eine Form der Kommunikation. Durch Wände und Dächer drückt sich eine Kultur aus, eine Lebensweise, das Miteinander mit Familie und Freunden sowie das Genießen privater Rückzugsorte.
Aus diesem Grund müssen Bauwerke nicht nur ästhetischen und praktischen Komfort bieten, sondern auch funktional auf ihre Umwelt reagieren. Je nach geografischer Lage unterscheidet sich die Bauweise daher erheblich.
Wer jemals in verschneiten Regionen gelebt hat, kennt die typischen Alpenhäuser, die extremen Witterungsbedingungen trotzen. Ihre steilen Satteldächer sorgen dafür, dass Schnee leicht abgleiten kann, um gefährliche Dachlasten zu vermeiden.
Paraguay ist jedoch weit von den Alpen entfernt. Schnee gibt es hier nicht, dafür aber langanhaltende Perioden intensiver Hitze. Wie passt sich die lokale Architektur also an das Klima und die Lebensart Paraguays an?
Ein Expertenblick auf Paraguays Baukultur
Raquel Amarilla wurde in Villarrica geboren und zog im Alter von 17 Jahren nach Asunción, um an der Nationalen Universität von Asunción (UNA) Architektur zu studieren – angetrieben von dem Wunsch, der Gemeinschaft zu dienen. Als Absolventin der FADA (Fakultät für Architektur) blickt sie auf mehr als drei Jahrzehnte Berufserfahrung zurück, vor allem im Bereich der Bauleitung.
Nach Amarillas Einschätzung befindet sich die paraguayische Architektur in einem ständigen Wandel. „Architektonische Identität – verstanden als Ausdruck von Bräuchen und als Wechselwirkung mit der natürlichen oder urbanen Umwelt – ist ein dynamischer Prozess“, erklärt sie. „Die Architektur in Paraguay bildet da keine Ausnahme. Dieser Prozess hat sich in den letzten Jahrzehnten durch die Globalisierung und die ständige Vernetzung über digitale Medien noch beschleunigt,“ sagt sie.
Zwischen 2007 und 2009 absolvierte Amarilla einen Masterstudiengang in Umweltverträglichkeitsprüfung, -management und -auditierung. Für ihr Müllmanagement-Projekt in der historischen Siedlung Loma San Jerónimo wurde sie 2008 vom Stadttrat von Asunción mit dem GUA’A-Preis ausgezeichnet – eine von zahlreichen Ehrungen im Laufe ihrer Karriere.
Der Sichtbackstein als architektonisches Nationalsymbol
Während in anderen Regionen Vorgefertigtes aus Holz oder Trockenbauwände dominieren, ist der sichtbare Backstein in Paraguay ein fundamentales Gestaltungselement. Dieser Baustoff wird nicht nur lokal hergestellt, sondern bietet auch erhebliche thermische Vorteile – insbesondere bei der Dämmung und Regulierung des Innenraumklimas.
Amarilla erläutert: „Der Hauptvorteil von Keramikbaustoffen gegenüber dem Trockenbau liegt in der Massivität der Struktur, der Wärme der natürlichen Farbe des Materials, das roh belassen werden kann, sowie der Vielseitigkeit bei der Verlegung, die optisch hochattraktive Kompositionen ermöglicht.“
Darüber hinaus trägt der Ziegel dazu bei, die Innentemperatur stabil zu halten. Er sorgt für Kühlung im Sommer sowie Wärme im Winter und reduziert so den Bedarf an künstlicher Klimatisierung. Doch die Vorteile gehen noch weiter: „Der Backstein wird im Land selbst produziert. Es ist ein edles, langlebiges Material, dessen Verarbeitungstechnik praktisch von allen paraguayischen Bauhandwerkern beherrscht wird. Zudem ist er im Vergleich zu anderen Wandbaustoffen nach wie vor sehr preiswert.“
Charakteristisch für Paraguays Architektur ist auch die Kombination natürlicher Materialien. „Es gibt Elemente, die unsere Architektur prägen: Tonziegel, Holz und in kleinerem Maße Naturstein aus heimischen Steinbrüchen“, erklärt Amarilla. Holz wird vor allem für Dachkonstruktionen verwendet, während Stein häufig in Fundamenten oder als dekorative Fassadenverkleidung zu finden ist.
Zwischen Tradition und Moderne
Das historische Zentrum von Asunción zeigt ein lebendiges Ensemble architektonischer Stile aus verschiedenen Epochen – von der Kolonialzeit über den Neoklassizismus bis hin zur Moderne. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Stadt jedoch in neue Entwicklungszonen ausgedehnt, die von modernen Großbauten geprägt sind. Diese Hochhäuser werden oft von international beeinflussten Architekturbüros entworfen. Während solche Bauten ein Bild von Modernität vermitteln – getreu dem Motto “Paraguay zieht mit der Welt gleich“ –, werden sie den lokalen Klimabedingungen nicht immer gerecht.
„Das Klima mit seinen verschiedenen Faktoren wie Temperatur, Hauptwindrichtungen und Niederschlagsmustern sollte ein zentrales Element jedes Entwurfs sein. In Asunción sehen wir derzeit jedoch immer mehr große Komplexe, die vollständig mit Glas verkleidet sind. Sie strahlen enorme Hitze ab – ohne Rücksicht auf ihre Umgebung oder auf die Hauptfigur des städtischen Lebens: den Fußgänger“, kritisiert Amarilla.
Nachhaltigkeit beginnt beim Einfamilienhaus
Dennoch entscheiden sich viele paraguayische Architekten für einen klimabewussteren und umweltschonenderen Ansatz, insbesondere beim Bau von Einfamilienhäusern.
Ein sehr typischer Prototyp des paraguayischen Hauses ist die Anordnung zwischen zwei Höfen. Der Vorderhof erfüllt eine soziale Funktion und ermöglicht das Miteinander mit dem öffentlichen Raum – auch wenn dieser Brauch in den letzten Jahren aufgrund gestiegener Sicherheitsbedenken zurückgegangen ist. Der hintere Hof hingegen ist privater; er fördert das Familienleben und die Verbindung zur unmittelbaren Natur.
In vielen Häusern wird der Vorgarten aus Sicherheitsgründen durch Schmiedeeisengitter geschützt. In einigen wohlhabenderen Stadtteilen ist dies jedoch weniger stark ausgeprägt.
Diese räumliche Aufteilung verbessert die Querlüftung und maximiert das natürliche Tageslicht, was den Stromverbrauch senkt. Bäume schaffen ein Mikroklima, bilden einen Schild gegen Sonnenstrahlung und regulieren die Temperatur. Zudem verschönern sie die Umgebung und tragen zum Wohlbefinden bei. Nur ein Paraguayer kann das Gefühl beschreiben, unter einem blühenden Lapacho-Baum einen erfrischenden Tereré zu genießen.
Der Lapacho (Tajy auf Guaraní) ist seit 2012 der Nationalbaum Paraguays. Seine rosa, weißen oder gelben Blüten schmücken in den Monaten August und September Straßen und Gärten. Die Lapacho-Blüte schafft ein Panorama, das tief in der paraguayischen Identität verwurzelt ist.
Galerien, Quinchos und das Ritual des Zusammenkommens
Galerien sind Übergangsräume zwischen Innen und Außen. Geschützt und dennoch offen bieten sie Luftzirkulation, natürliches Licht und eine visuelle Verbindung zur Umgebung. Im hinteren Teil des Hauses ist der Quincho ein unverzichtbares Element: ein überdachter Bereich mit Grillstelle, der für das traditionelle paraguayische Asado genutzt wird.
„Quinchos sind mehr als nur Kochstellen. Sie sind Teil unserer kulinarischen und sozialen Kultur. Sie fördern das Beisammensein, stärken familiäre Bande und spiegeln eine ganz bestimmte Lebensart wider,“ erklärt Amarilla.
Zwischen Notwendigkeit und Anpassung
Die Alltagsarchitektur in Paraguay spiegelt auch die ökonomische Realität ihrer Bewohner wider. „Im Großraum Asunción gab es eine starke Zuwanderung aus ländlichen Regionen. Das hat zu Stadtvierteln mit sehr unterschiedlichen Charakteristika geführt, die direkt mit der Kaufkraft der jeweiligen Bevölkerungsgruppe zusammenhängen,“ fügt sie weiter an.
Während wohlhabendere Schichten Zugang zu Wohnraum in modernen Geschäftsvierteln haben, baut die arbeitende Mittelschicht ihr Eigenheim oft nach und nach über viele Jahre hinweg auf – je nachdem, wie es die finanziellen Mittel erlauben. Diese schrittweise Bauweise ist unter paraguayischen Familien weit verbreitet.
Derzeit gibt es staatliche Wohnungsbauprogramme, die den Erwerb von Wohneigentum erleichtern sollen, auch wenn das Wohnungsdefizit nach wie vor erheblich ist.
Aus der Vergangenheit lernen
„Auf dem Weg zu einer nachhaltigen Architektur kann die Erforschung traditioneller Materialien und Techniken – unter dem Blickwinkel der Erneuerung und Neuerfindung – extrem wertvoll sein“, sagt Amarilla. „Das muss Hand in Hand gehen mit bioklimatischem Design, der Nutzung erneuerbarer Energien sowie einem durchdachten Wasser- und Abfallmanagement. Wir müssen aus der Vergangenheit lernen, ohne in ihr steckenzubleiben,“ erklärt sie weiter.
So entwickelt sich die paraguayische Architektur zwischen Tradition und Innovation, Hitze und Schatten, Familie und Gemeinschaft stetig weiter. In jedem Sichtbackstein und jeder offenen Galerie steckt eine Geschichte, die fortgeschrieben wird.
Wochenblatt / Asunción Times















