Wende in Brasilien? Deutsche Unternehmen sehen Silberstreif

Einst Boomland, heute Krisenland. Aber nach dem Regierungswechsel gibt es plötzlich Hoffnung in der deutschen Wirtschaft, dass Brasilien in Zeiten einer schwächelnden Weltwirtschaft wieder attraktiver werden könnte.

Die geplanten Privatisierungs- und Reformmaßnahmen der neuen brasilianischen Regierung schüren bei deutschen Unternehmen Hoffnung auf eine milliardenschwere Investitionsoffensive. «An einem raschen Ausbau und einer Modernisierung der Infrastruktur führt kein Weg vorbei, wenn Brasilien im globalisierten Wettbewerb bestehen will», sagte der Vorsitzende des Lateinamerikaausschusses der Deutschen Wirtschaft, Andreas Renschler, der Deutschen Presse-Agentur in Rio de Janeiro. Beim Ausbau von Flug- oder Seehäfen, Bahnverkehr und in Bereichen wie Gesundheit und Energie gebe es großes Potenzial.

Im fünftgrößten Land und der siebtgrößten Volkswirtschaft der Welt sind bereits über 1400 deutsche Unternehmen aktiv, aber Autobauer wie Volkswagen litten zuletzt unter dem massiven Konsumeinbruch, die Wirtschaftsleistung ging 2015 in Brasilien um 3,8 Prozent zurück. Nach der Suspendierung der linksorientierten Staatspräsidentin Dilma Rousseff will Interimspräsident Michel Temer Schlüsselindustrien auf Reformkurs bringen.

Aushängeschild der Regierung ist Finanzminister Henrique Meirelles, der ausgerechnet unter dem Begründer des Linksprojekts, Luiz Inácio Lula da Silva, als Zentralbankchef für solide Finanzen und eine Eindämmung der Inflation sorgte. Er kündigte bereits an, dass das Renteneintrittsalter hochgesetzt werden könnte, um das Defizit in den Griff zu bekommen – auch neue Steuern sind möglich. Die Brasilianer können oft schon mit rund 55 Jahren bei vollen Rentenbezügen in den Ruhestand gehen.

Zugleich glauben Investoren, dass die tiefe Krise eine Chance ist – Brasilien galt vor ein paar Jahren noch als Boomland und eine der kommenden Wirtschaftsmächte. Durch die Krise könnte auch mehr auf ausländisches Know-How gesetzt und die Bürokratie gemindert werden. Der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport hat bereits Interesse an Flughafenbeteiligungen bekundet, bisher hält das Unternehmen in Südamerika nur 70 Prozent am Flughafen in Lima.

Aus deutschen Unternehmenskreisen ist zu hören, dass man zum Beispiel auch auf eine Neuauflage von Planungen für einen Schnellzug zwischen den rund 400 Kilometer voneinander entfernt liegenden Metropolen Rio de Janeiro und São Paulo setzt. Fast der gesamte Güterverkehr wird bisher über die Straße abgewickelt. Chancen kann es auch im Bereich Recycling und Kreislaufwirtschaft geben.

«Der Wunsch an die brasilianische Politik ist klar: Jede noch so kleine Bewegung zur Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit ist ein großer Schritt in die richtige Richtung», betonte Renschler. Ärgerlich sei, dass Brasilien (wie Paraguay) eines der wenigen Länder ist, mit denen Deutschland immer noch kein Steuerabkommen hat. Ein Doppelbesteuerungsabkommen regelt, dass deutsche Unternehmen nicht über Gebühr viele Steuern in beiden Ländern zahlen müssen.

Von Georg Ismar