Das Auswanderungsprojekt des Ministers Thaler

Asunción: Nachdem der einstige Landwirtschaftsminister Österreichs, Andreas Thaler sich in Südamerika umsah, wo ein Auswanderungsprojekt Sinn machen würde, und dabei auch Paraguay einen Besuch abstattete, fiel seine Wahl jedoch später auf eine Bergregion in Brasilien.

Die wirtschaftlichen Voraussetzungen der interessanten Kolonisierungsaktion

Der anerkennenswerte Mut, die Entschlusskraft des Ministers Thaler und der reine Idea­lismus, der seinem Auswanderungsprojekt den Stempel aufdrückt, sind für die Öffentlichkeit ein ausreichender Anlass, sich mit der Angelegenheit ernsthaft zu beschäftigen und nicht über sie einfach zur Tagesordnung überzugehen.

Ackerbauminister Thaler, der im Rahmen einer Pressekonferenz freimütig über seine Auswanderungsaktion gesprochen hat, darf freilich nicht verlangen, daß sein keineswegs so leicht durchführbarer Plan mit allen seinen wirt­schaftlichen Voraussetzungen und Folgewirkungen einfach zur Kenntnis genommen und vorbehaltlos akzeptiert wird, er hat indessen das volle Recht, zu erwarten, daß die Bundes­regierung und die Fachwelt seine Vorschläge einer sachlichen Überprüfung unterziehen und sein Projekt, wenn irgendwelche wirtschaft­liche Möglichkeiten gegeben erscheinen, ent­sprechend fördern.

Es handelt sich bei dem Thalerschen Projekt, wie es sich der Urheber dieses interessanten Planes vorstellt, nicht um eine einmalige Auswanderung von 200 Tiroler Bauernsöhnen, die eine Siedlung in Südamerika schaffen wollen, sondern um die Vorbereitung einer großzügigen Kolo­nisierungsaktion, die einer, weit größeren Anzahl Österreicher zugute kommen soll. Von diesem Gesichts­punkte betrachtet, gewinnt das .Projekt natür­lich schon eine allgemeinere Bedeutung, umso mehr Recht hat die Öffentlichkeit, zu ver­langen, daß, die Vorbereitung und die Durch­führung eines solchen Projektes in einer Weise geschieht, die eine gewisse Gewähr vor möglichen Enttäuschungen bietet. Deshalb er­scheint die Errichtung einer eigenen Kolonisierungsgesellschaft in Form eines Aktienunternehmens, deren Struktur im Expose des Ministers Thaler noch nicht sichtbar geworden ist, von be­sonderer Wichtigkeit.

Es darf nicht etwa als der Ausdruck irgend eines Misstrauens gegenüber- Thaler aufgefaßt werden, wenn man es für zweckmäßig hält, daß eine Gesellschaft, die ihren Sitz in Wien hat, und die nicht nur als Fach- sondern vor allem auch als Kontrollorgan zu fungieren hätte, die ganze Aktion leitet und so auch die nicht unbeträchtlichen finanziellen Mittel verwaltet, die Minister Thaler für die Durchführung seines Projektes bean­sprucht. Man darf natürlich auch nicht über­sehen, daß ein einmaliger Betrag von zwei Millionen Schilling, auch -wenn er in Form eines Darlehens gegeben wird, bei unseren Ver­hältnissen nicht so bescheiden ist, daß man an seine Gewährung nicht auch gewisse sach­liche Forderungen knüpfen dürfte.

Wenn man sich nur vor Augen hält, daß die österreichischen Wirtschafts­korporationen schon seit Jahren, bisher leider erfolglos, um eine Drei-Millionen-Schiliing-Garantje des Staates für eine Exporfkreditversicherung kämpfen müssen, so wird man finden, daß die Bewilligung von zwei Millionen Schilling für eine kleine Kolonistengruppe immerhin ein Zugeständnis bedeutet, das angesichts der budgetären und wirtschaftlichen Lage Österreichs schon stärker ins Gewicht fällt. Ganz abgesehen davon, daß hier zweifellos ein gewisser Präzedenzfall ge­schaffen wird, das auch von anderen Auswanderungslustigen ins treffen geführt werden könnte, und dem man eben nur durch die Schaffung einer Kolonisierungsgesellschaft begegnen könnte, die nach außenhin zum Aus­druck bringen würde, daß das Zwei-Millionen-Schilling-Darlehen nicht allein der Auswanderungsgruppe Thalers gewährt, sondern zu dem Zwecke gegeben wird, eine Auswanderungsaktion allgemeiner Natur zu unterstützen.

Überflüssig ist es, erst ausdrücklich die Selbstverständlichkeit zu verlangen, daß das Projekt Thalers sowohl bezüglich des zuwählenden Siedlungsgebietes als auch der wirtschaftlichen Voraussetzungen der ganzen Aktion eingehend, wenn auch wohlwollend, geprüft wird.

Thaler, der seinen Plan umsetzen konnte und im Jahr 1933 Treze Tilias -Dreizehn Linden in Brasilien gründete, starb nur sechs Jahre später bei einer Überschwemmung. Seine Nachkommen leben und arbeiten noch in der Urwaldsiedlung. Seine Enkel sind brasilienweit für die Anfertigung von Holzschnitzereien bekannt, darunter Gotfredo Thaler.

Wochenblatt / Österreichische Nationalbibliothek

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