Das Phänomen „Zorro“: Asuncións Verkehrspolizei und das schnelle Geld auf der Straße

Asunción: Wer als Autofahrer durch die chronisch überlasteten Straßen der paraguayischen Hauptstadt Asunción navigiert, muss nicht nur Schlaglöcher und den chaotischen Berufsverkehr fürchten. Eine weitaus subtilere Gefahr lauert oft im Schatten der großen Alleen wie der Mariscal López oder der Aviadores del Chaco: die Policía Municipal de Tránsito (PMT), im Volksmund wegen ihrer traditionell dunklen Uniformen oft spöttisch „Zorros“ (Füchse) genannt.

Unter den Einwohnern von Asunción ist es ein offenes Geheimnis, das fast schon zum folkloristischen Alltag gehört: Die städtischen Verkehrspolizisten sind einer schnellen Barzahlung auf die Kralle – ohne lästigen Strafzettel – selten abgeneigt.

Das System der „Coima“

Das Prozedere folgt meist einem eingespielten Drehbuch. Wegen eines vermeintlichen oder tatsächlichen Vergehens – sei es ein abgelaufenes TÜV-Zertifikat (Ivesur), das Überfahren einer gelben Ampel oder das Fehlen der vorgeschriebenen Verbandstasche – wird der Fahrer herausgewunken. Es folgt ein psychologisches Verwirrspiel. Der Beamte wiegt bedächtig den Kopf, blättert im Bußgeldkatalog und malt die Konsequenzen in den düstersten Farben aus: saftige Geldstrafen, der Gang zur Stadtverwaltung oder gar das Abschleppen des Fahrzeugs.

Doch kurz bevor der Frust beim Autofahrer umschlägt, fällt meist der entscheidende, codeartige Satz: „¿Cómo podemos arreglar esto, amigo?“ (Wie können wir das regeln, Freund?). Es ist das Signal für die Coima – das Schmiergeld. Das Geld wechselt meist unauffällig im gefalteten Führerschein den Besitzer. Der Strafzettel wird zerrissen oder gar nicht erst ausgestellt, und die Fahrt kann fortgesetzt werden. Eine klassische Win-Win-Situation für die Beteiligten auf Kosten des Rechtsstaates.

Die Wurzeln des Problems

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, die Schuld allein bei der moralischen Schwäche der einzelnen Beamten zu suchen. Die Bestechlichkeit der PMT ist das Symptom eines tief sitzenden, strukturellen Problems. Viele Verkehrspolizisten verdienen ein Grundgehalt, das kaum zum Leben in der immer teurer werdenden Hauptstadt reicht. Die Verführung, das Einkommen durch die informelle „Straßenmaut“ aufzubessern, ist enorm.

Zudem fehlt es oft an effektiven Kontrollmechanismen innerhalb der Stadtverwaltung. Zwar werden immer wieder Kampagnen gestartet, Kameras an den Uniformen gefordert oder drakonische Strafen für korrupte Beamte angedroht, doch im Sande verlaufene Ermittlungen und politische Protektion im Hintergrund sorgen dafür, dass sich am Status quo wenig ändert. Außerdem soll ein internes System existieren, bei welchem die Uniformierten Geld für ihre Vorgesetzten einsammeln müssen.

Ein Schaden für das Vertrauen

Für die Bürger von Asunción ist dieser Zustand ein ständiges Ärgernis, das das Vertrauen in die Institutionen nachhaltig untergräbt. Anstatt für Sicherheit und einen flüssigen Verkehr zu sorgen, wird die PMT oft als reine Einnahmequelle für die Taschen der Beamten wahrgenommen. Wer das Geld hat, kauft sich frei; wer stur auf sein Recht beharrt, verliert Zeit und Nerven in der bürokratischen Mühle.

Solange sich die Gehaltsstrukturen nicht drastisch verbessern und eine echte digitale Transformation der Bußgeldverfahren – weg vom Bargeld, hin zur elektronischen Bezahlung – stattfindet, wird der „Zorro“ an der Straßenecke weiterhin ein treuer, wenn auch teurer Begleiter des asuncenischen Autofahrers bleiben.

Wochenblatt

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