Kolonie Independencia: Eigentlich betrifft die Klage nur die beiden CEOs der Nature Invest, Benedikt Michale und Iwona Schellenbacher. Es läuft eine Anzeige wegen Betrugs sowie eine zivilrechtliche Klage wegen ausstehender Zahlungen von unter anderem weit mehr als 300.000 Euro.
Doch nicht einmal die jüngste Hausdurchsuchung samt Beschlagnahmung aller betreffenden Dokumente, Urkunden, Telefone und Rechner wird letztlich Aufschluss darüber geben, wer von den beiden Eheleuten zu welchem Anteil die Verantwortung für die Entscheidungen der Geschäftsleitung trägt – er oder sie. Da läuft es im Business eben wie im richtigen Leben: Mann und Frau verschmelzen zu einer unzerbrechlichen Einheit.
Es bietet sich also durchaus an, diese Einheit schlicht “Nature Invest“ zu nennen, auch wenn bis heute gar nicht klar ist, wer oder was eigentlich genau damit gemeint ist. Da wäre zum einen die in Paraguay eingetragene S.A., die allerdings wegen Steuerversäumnissen schon gar keine Geschäftserlaubnis mehr besitzt. Außerdem schrieb sie bis dato ohnehin nur rote Zahlen. Das gilt für die Bio-Zitronen und -pfirsiche, von denen laut Capataz noch nicht ein einziger verkauft wurde, Oregano, Rosmarin und Moringa ebenso wie für die beworbenen Urwaldfilme, Lebensschulen, Naturrestaurants und sage und schreibe Regenwaldkorridore.

Von all den im Laufe der Jahre angepriesenen und verkauften Projekten ganz zu schweigen: Genau wie die Produktion der zertifizierten Lebensmittel befinden sie sich seit jeher in Planung und sind nie auch nur einen Schritt darüber hinausgekommen.
Die Spur führt in die Schweiz
Die “Nature Invest“ ist aber auch in der Schweiz eingetragen – angeblich als 100-prozentige Tochter der paraguayischen Gesellschaft. In Wahrheit handelt es sich jedoch nur um eine Briefkastenfirma, die unter derselben Adresse läuft wie ihr lautester Promoter: Ein gewisser Norbert Brakenwagen, der seinerseits bereits wegen dubioser Geschäfte in Südamerika und unlauterer Machenschaften in der Schweiz einschlägig bekannt ist. Trotz verschiedener Lobhudeleien – auch seitens einer Investorin aus Luxemburg – und den vollmundigen Versprechungen, die in Paraguay auf Michale persönlich titulierten Ländereien an die Swiss AG zu übertragen, ist deren Website, ironischerweise unterbetitelt mit “Bioliegenschaften mit Substanz”, seit etwa einem Monat aus dem Internet verschwunden (“Bad Gateway Error“)**.
Ihr Aufsichtsrat, Beat Unternährer, will von alledem nichts wissen; er arbeite unter anderem als Schulpsychologe und hat keinerlei Zugriff auf die Daten der AG. Das klingt alles gar nicht so furchtbar clever, transparent und vertrauenswürdig. Auch nicht, dass zeitgleich 2023 in Mallorca eine gleichnamige S.R.L. gegründet wurde, von der niemand etwas weiß. Das erinnert schwer an den Ursprung der internationalen Bandenkriminalität in Sizilien, denn auch dort tragen alle den Namen des Clans, auch dort sind alle family&friends, auch dort sind alle amigos und compadres.
Das Schweigen der Lämmer im Fall Jentgens
Aber was passiert eigentlich im Falle Jentgens, im Zuge dessen der ganze Schlamassel ans Licht gekommen ist? Man weiß und hört nichts mehr – das Schweigen der Lämmer? Das Zivilverfahren wird nach allen Regeln der Kunst verschleppt und wird kaum vor 2030 zu einem Urteil kommen. Dazu braucht es nicht einmal einen Staranwalt – die Lücken und Nischen der paraguayischen Justiz kann heutzutage jede KI bedienen. Und die Ermittlungen des Staatsanwalts? Die dauern an, während die Verhandlungen über eine außergerichtliche Einigung seit Juni zu einem immer bizarreren Katz-und-Maus-Spiel degenerieren, in dem der Anwalt der Nature Invest, Miguel Paredes, die Jentgens und ihre Anwälte schmoren und mit einer Unverfrorenheit und Respektlosigkeit ins Leere laufen lässt, dass man kaum noch glaubt, hier seien alle noch ganz bei Trost.
Wie ein ehemaliger Mitarbeiter der Firma bemerkt: „Sobald du den Chef nicht mehr anbetest, wirst du abserviert wie eine alte gebrauchte Serviette.“ Immer wieder trudeln Angebote ein – mal halbwegs vernünftige, mal abstruse –, die jedoch postwendend wieder zurückgezogen werden oder schnurstracks ins Nichts zielen. Unter anderem wurden den Geprellten 15 Grundstücke der Siedlung in Itatí angeboten. Grundstücke ohne Titel, ohne Strom, ohne Wasser, größtenteils sogar ohne Zufahrt, selbst für Kühe unerreichbare Äcker; ein anderes Mal ein paar Hektar da und dort der sogenannten Bio-Liegenschaften – nur als Sicherheit, wohlgemerkt, um dann zur Unterschrift schließlich entweder ohne die vollständigen Titel zu erscheinen – oder gar nicht. Ein purer Witz!
Aber wie heißt es so schön: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Jetzt bitte nichts sagen. denn während die Nature Invest am “Tag des Kindes“ fette Torten und mit Zucker vergiftete Getränke, also alles andere als die vielbesungenen selbstproduzierten und zertifiziert gesunden Lebensmittel, an verblüffte Kinder verteilt oder sich bei Geburtstagen von Firmenmitgliedern selbst hochfeiern lässt, auch ansonsten bei den Nebenkosten für teure Mietautos, leerstehende Büros, Strom, Security und Müll für ein ganzes Dorf nicht knausert, muss der ausgeplünderte ehemalige Großinvestor auf dem alten Kontinent jeden Euro zweimal umdrehen, um über die Runden zu kommen. Tja, in Deutschland wächst das Geld eben noch immer nicht auf den Bäumen.
Doch das Spiel ist fast aus
Aus Europa droht jedoch eine regelrechte Klagewelle heranzurollen, ein Tsunami von Anzeigen aus Übersee, ein El Niño für die nach ausgleichender Gerechtigkeit Dürstenden. Oder doch nur das nächste Kapitel einer von bösen Zungen inszenierten rufmörderischen Verleumdungskampagne? Es bleibt abzuwarten, ob die Weltfirma Nature Invest der Welt noch rechtzeitig ihren Bankrott erklären kann, bevor die paraguayische Justiz doch noch in die Gänge kommt und der Staat Anklage erhebt wegen schweren Betrugs. Dann allerdings wäre das Katz-und-Maus-Spiel endgültig aus, denn dann wird es strafrechtlich bitterernst und die Klagewelle schwappt wieder zurück bis nach Europa.
Wer das immer noch nicht glauben mag, kann sich weiterhin von den unverdrossenen Werbefilmchen der Nature Invest berieseln und einlullen lassen. Im jüngsten, bis zur Selbstanzeige billigen Video waren die bunt bedruckten Vitrinen des Büros der S.A. zu bewundern***. Man kann sich dabei des Eindrucks nicht erwehren, als würde es in dem Laden dort sehr bald wirklich „Sa..ft“ zu kaufen geben. Man darf gespannt sein, wer am Ende ausgepresst wird.
*das schlafwandelnde Projekt Regenwaldkorridor verschwand mit den ersten Klagen gegen die Nature Invest Anfang des Jahres urplötzlich und wie aus den Träumen gerissen von ihren Bildflächen
**natureinvestswissag.ch
*** https://youtu.be/FuhcgwGaIeQ?si=qQZ_1gJO0p4BIEP3
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