Mutmaßlicher Millionenbetrug an deutschen Investoren in Independencia: Ermittlungen gegen “Nature Invest“

Kolonie Independencia: Die Staatsanwaltschaft von Villarrica untersucht einen schweren Fall von mutmaßlichem Anlagebetrug im Departement Guairá. Im Visier der Justiz steht das deutsche Ehepaar Benedikt Michale (Beitragsbild) und Iwona Schellenbacher, Direktoren der Firma Nature Invest (Madre Tierra S.A.).

Den Beschuldigten wird vorgehalten, europäischen Investoren mit falschen Versprechungen hohe Summen für Immobilien- und Forstprojekte in Paraguay entlockt zu haben.

Die Masche: Sicherheit und Traumrenditen

Nature Invest warb in Europa mit vermeintlich rechtssicheren Direktkäufen von Grundstücken inklusive sofortiger Eintragung im Grundbuch (Catastro und Registros Públicos). Zudem wurden lukrative Agrarinvestitionen versprochen:

-Zitronenplantagen: Bei einem Investment von 45.000 € wurde eine jährliche Rendite von rund 17.000 € in Aussicht gestellt.

-Pfirsichplantagen: Eine Anlage von 66.000 € sollte bis zu 26.000 € jährlich einbringen.

-Darlehen mit Tauschrecht: Für 115.500 € wurde eine Verzinsung von 8 % versprochen, mit der Option, das Geld später in Land oder Plantagen umzuwandeln – allerdings ohne konkrete Flurstücke oder Garantien im Vertrag zu benennen.

Die Realität: Keine Titel, keine Plantagen

Untersuchungen des Portals Foro Guairá sowie behördliche Berichte decken nun massive Ungereimtheiten auf:

-Keine Grundbucheinträge: Käufer erhielten lediglich private Verträge. Beim Vorzeigeprojekt “Itatí Pirámides Naturales“ in Mbocayaty existieren laut Gemeinde keine individualisierten Titel auf die Käufer. Geschädigte mussten bereits zivilrechtliche Klagen einreichen.

-Behörden widersprechen Firma: Das Nationale Forstinstitut (Infona) teilte der Staatsanwaltschaft mit, dass weder das Unternehmen noch dessen Aktionäre für die beworbenen Forstaktivitäten registriert sind.

Steuerdaten stehen auf Null

Die Steuerbehörde (DNIT) führt Nature Invest nicht im Agrar- oder Obstsektor. In den offiziellen Finanzberichten für 2025 sind die Einnahmen sowie die Vermögenswerte für land- und forstwirtschaftliche Produkte mit exakt Null deklariert. Zudem wiegt ein weiterer behördlicher Schlag schwer: Die RUC-Nummer von Nature Invest – und damit die offizielle Gewerbeerlaubnis in Paraguay – wurde im Jahr 2025 für einen Zeitraum von 5 Jahren komplett gesperrt.

Geldflüsse nach Europa umgeleitet?

Ein ehemaliger Mitarbeiter, Harald Frank, belastet die Geschäftsführung schwer. Er erklärte, dass große Summen europäischer Kunden eingenommen, wesentliche Teile dieser Gelder jedoch in die Schweiz und nach Belgien weitergeleitet wurden, anstatt sie in die paraguayischen Projekte zu investieren. Brisant: Bei den besagten Konten in Europa handelt es sich nach aktuellen Erkenntnissen um die Privatkonten der Firmeninhaber selbst.

Großinvestor fordert 300.000 Euro zurück

Ins Rollen kam das Verfahren durch die Anzeige des deutschen Ehepaars Rowena und Rainer Jentgens. Sie investierten insgesamt 460.000 € für ihre geplante Auswanderung. Nach einer Teilrückzahlung fordern sie nun seit zweieinhalb Jahren vergeblich die restlichen 300.000 € plus Zinsen zurück. Auch sie erhielten für ihre Grundstücke im Projekt Itatí kein Titel, nahmen aber jüngst mit einem offenen Brief Stellung zu dem von Michale propagierten Unverständnis für ihr Vorgehen in dieser Situation:

„Lieber Benedikt, liebe Iwona, hier läuft keine Kampagne gegen Euch, sondern wir wollen als Familie unser bei Euch investiertes Geld wieder zurück. Unsere 300.000 € wurden uns nun schon 2 1/2 Jahre von Nature Invest nicht zurück gezahlt. Bitte einfach zurück zahlen, dann können wir uns diesen ganzen Quatsch sparen. Wenn das eh kein Problem ist, wieso haben wir das Geld dann nicht zurück bekommen und viele andere auch nicht? Was ist der Plan, lieber Benedikt, liebe Iwona uns zu schikanieren oder eure Macht zu missbrauchen? Uns arm zu machen oder uns und unsere Kinder, um ihr Geld zu bringen? Schönen Grüße von der Familie Jentgens aus Deutschland mit vier Kindern und drei Katzen!“

Razzia und Verteidigung

Staatsanwalt Martín Escalada ließ die Wohnräume der Direktoren sowie die Firmenbüros in Melgarejo (Independencia) durchsuchen. Dabei wurden zahlreiche Verträge, Buchhaltungsunterlagen, Computer und Telefone beschlagnahmt. Während Nature Invest die Vorwürfe abstreitet und von einem rein zivilrechtlichen Streit spricht, wurden angekündigte klärende Interviews seitens ihres Verteidigers mehrfach kurzfristig abgesagt. Stattdessen verkündet Michale weiterhin, die Urheber der „Verdächtigungen“ wegen Verleumdung zu verklagen, sobald das Verfahren abgeschlossen sein wird.

Internationales Netzwerk von Briefkastenfirmen

Hinter der paraguayischen Fassade verbirgt sich ein hochkomplexes Geflecht. Die ursprüngliche Nature Invest existiert bereits seit 1988 und wurde nicht etwa von Benedikt Michale, sondern von Charles Lehmann gegründet. Über die Jahre, vor allem aber seit der Übernahme durch Michale im Jahr 2020 – mit einem massiven Schwerpunkt im Sommer 2023 –, folgte eine verwirrende Kette von Namensänderungen und Gerichtsstandwechseln. Dieses Manöver macht das ohnehin dichte Panorama vollends undurchsichtig. Im krassen Gegensatz zur öffentlich zelebrierten Firmentransparenz gilt ein solches Vorgehen in Ermittlerkreisen als typisches Warnsignal für gezielte Spurenverwischung:

-Nature Invest For Mother Earth Ag
-Nature Invest For Mother Earth Ag In Liquidation
-Nature Invest Swiss Ag
-Patrick Ag
-Nature Invest Para Madre Tierra

Während die ersten vier Gesellschaften zwischen den Schweizer Kantonen Basel und Zürich oszillieren, schlägt die Para Madre Tierra nur in Paraguay zu Buche. Die Ermittlungen der europäischen Behörden stehen hierzu allerdings erst am Anfang.

Wochenblatt / Gaston Ortiz, Foro Guairà

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