Asunción: Vom “Aura-Farmen“ bis hin zu algorithmisch vermittelten Bindungen: Neue Ausdrücke und künstliche Intelligenz offenbaren einen Wandel, der weit über bloße Unterhaltung hinausgeht. Das digitale Leben beginnt zunehmend zu beeinflussen, wie junge Menschen Identität stiften, dazugehören, kommunizieren und sich selbst wahrnehmen.
Soziale Netzwerke sind längst nicht mehr nur ein Ort, um Videos anzusehen, Fotos zu posten oder mit Freunden zu chatten. Für einen Großteil der jüngeren Generationen bilden sie eine Bühne, auf der Identität konstruiert, Beziehungsformen erprobt, Sprachmuster übernommen, Trends verfolgt, Anerkennung gesucht und Entscheidungen darüber getroffen werden, welcher Teil des eigenen Lebens sichtbar sein soll.
In Paraguay verdeutlicht die Zunahme des Internetzugangs diesen Wandel. Laut der kontinuierlichen Haushaltserhebung (EPHC 2025) des Statistikamtes (INE) nutzten 85,4 % der Bevölkerung ab 10 Jahren im vergangenen Jahr das Internet – das entspricht rund 4,43 Millionen Menschen. In der Altersgruppe der 15- bis 19-Jährigen lag die Nutzung bei 92,5 %, bei den 20- bis 24-Jährigen bei 97,4 % und bei den 25- bis 29-Jährigen bei 97,1 %. Der Bildschirm ist für Jugendliche und junge Erwachsene in Paraguay somit kein fremdes Territorium mehr, sondern fester Bestandteil ihres Alltags.
Die Sprache der Bildschirme
Der Begriff “Aura-Farmen“ zeigt beispielhaft, wie Netzwerke eine eigene Sprache hervorbringen. Die Wendung kombiniert “farmen“ – einen Begriff aus der Videospielkultur für das Wiederholen bestimmter Aktionen zum Ressourcensammeln – mit “Aura“, was im digitalen Jargon Ausstrahlung, Präsenz, Stil oder Aufmerksamkeit beschreibt.
Der Ausdruck hat den Schritt aus der digitalen Welt in den physischen Raum vollzogen. In Paraguay gab es im August Aufrufe zu sogenannten Aura-Battles, unter anderem in Concepción und San Lorenzo. Lokale Medien berichteten von einem Treffen vor der Kathedrale von San Lorenzo, das hunderte Jugendliche anlockte. Das Phänomen verdeutlicht die Logik der Digitalkultur: Was als Inhalt beginnt, wird zu Verhalten, kehrt über Videos und Kommentare auf die Plattformen zurück und erzeugt neue Nachahmer. Virtuelle Codes verlassen das Smartphone und erobern die Straße.
“Aura“, “Cringe“ und “Random“: Eine Kultur im Wandel
Jede Generation entwickelt eigene Begriffe, doch das heutige Tempo ist beispiellos. Wörter aus dem Englischen, aus Videospielen, Memes, von Influencern und Online-Communitys tauchen auf, verbreiten sich und können innerhalb weniger Monate veraltet sein. Begriffe wie cringe, random, shippen, stalken, ghosten, spoilern oder funen (öffentlich anprangern) sind aus der Netzsprache in Alltagsgespräche übergegangen.
Über das Verstehen dieser Ausdrücke wird Zugehörigkeit signalisiert. Das Nichtkennen hingegen wird als Generationsabstand wahrgenommen. Hinter scheinbar absurden Begriffen verbirgt sich für Jugendliche eine funktionierende soziale Dynamik.
Selbstinszenierung und der Druck zur Perfektion
Netzwerke haben auch die Art verändert, wie sich Menschen präsentieren. Ein Foto ist oft nicht mehr nur ein Schnappschuss, sondern eine sorgfältige Inszenierung. Kleidung, Ort, Musik, Kamerawinkel, Filter und der Zeitpunkt des Beitrags bilden eine persönliche Visitenkarte. Die digitale Identität wird so zum dauerhaften Schaufenster.
Problematisch wird es, wenn das digitale Bild mit der eigenen Körperwahrnehmung konkurriert. Filter, die Gesichtszüge, Haut oder Körperproportionen verändern, schaffen Standards, die in der Realität schwer zu erreichen sind. Internationale Organisationen warnen vor Zusammenhängen zwischen digitaler Exposition, Körperbild und mentaler Gesundheit. UNICEF weist darauf hin, dass passive Nutzung mit Gefühlen von Unzulänglichkeit und geringerer Lebenszufriedenheit einhergehen kann.
Zudem vergleichen sich Jugendliche nicht mehr nur mit Prominenten, sondern mit Mitschülern, Freunden oder Gleichaltrigen. Der Algorithmus verstärkt diese Dynamik, indem er Inhalte zeigt, die auf bisherigem Nutzungsverhalten basieren – es entsteht eine Informationsblase.
Algorithmen und Künstliche Intelligenz als Begleiter
Auch Freundschaften verändern sich: Das Senden eines Videos ersetzt oft das Gespräch, eine Reaktion auf eine Story dient als Kontaktaufnahme. Zur Dynamik der Netzwerke gesellt sich nun die Künstliche Intelligenz. Chatbots, die Texte verfassen, Gespräche führen oder Aufgaben erklären, sind fester Bestandteil der digitalen Welt geworden.
UNESCO unterstreicht, dass generative KI das Bildungswesen unterstützen kann, mahnt jedoch eine menschenzentrierte Anwendung an. Für Lernende stellt sich zunehmend die Frage, wie viel des eigenen Denk- und Schreibprozesses an Systeme abgegeben wird. Zudem untersuchen Studien mögliche emotionale Abhängigkeiten von KI-Systemen, die für lange, personalisierte Gespräche entwickelt wurden.
Kein rein negatives Phänomen
Jugendliche als rein “handysüchtig“ zu bezeichnen, greift jedoch zu kurz. Dieselben Plattformen ermöglichen das Erlernen von Sprachen, Zugang zu Bildungsangeboten, berufliche Chancen und den Aufbau von Netzwerken. Auch staatliche Initiativen in Paraguay, etwa Programme des IT-Ministeriums MITIC, fördern digitale Fähigkeiten in Bereichen wie Programmierung, KI und Datenanalyse.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist darauf hin, dass weltweit etwa einer von sieben Jugendlichen im Alter von 10 bis 19 Jahren von mentalen Beeinträchtigungen betroffen ist. Für Krisensituationen stellt das paraguayische Gesundheitsministerium seit 2025 mit der kostenlosen Hotline 155 ein vertrauliches Hilfsangebot bereit.
Eine Generation zwischen zwei Welten
Die Trennlinie zwischen digitaler und analoger Welt löst sich zunehmend auf. Eine Freundschaft kann auf TikTok beginnen und im Park fortgesetzt werden. Der Schlüssel zum Verständnis der heutigen Jugend liegt für Eltern, Lehrende und die Gesellschaft nicht nur in der Frage, welche Apps genutzt werden, sondern was Jugendliche darin suchen: Zugehörigkeit, Anerkennung, Identität und ein Platz in der Gemeinschaft.
Wochenblatt / El Nacional















