Asunción: Die bittere Ironie des vorgestrigen Abends hätte kein Drehbuchautor der Welt besser inszenieren können: Ausgerechnet das kleine, oft unterschätzte Paraguay schickt die deutsche Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft endgültig auf den sportlichen Friedhof.
Wer das Spiel und vor allem die Reaktionen in den Stunden danach beobachtet hat, blickt in den tiefen Spiegel zweier völlig gegensätzlicher Gesellschaften. Dieses Match war längst kein reiner Sport mehr – es war das perfekte soziologische Abbild des aktuellen deutschen Zustands in Sport, Kultur und Politik.
Dass der finale K.o. ausgerechnet durch Paraguay erfolgte, verleiht dem Debakel eine fast schon sarkastische Note. Das südamerikanische Land hat sich in den letzten Jahren zu einer der absoluten Top-Destinationen für deutsche Auswanderer und Expats entwickelt. Bis zu 60.000 Deutsche und Deutschstämmige leben mittlerweile dort – Menschen, denen ihre alte Heimat in jeglicher Hinsicht fremd geworden ist. Sie haben dem bürokratischen und gesellschaftlichen Irrenhaus Deutschland den Rücken gekehrt, haben Heimweh und die berüchtigte Wegzugssteuer hinter sich gelassen, um in Südamerika ein neues Leben in Freiheit aufzubauen. Für diese riesige Community bot der vorgestrige Abend ein ganz besonderes Schauspiel: Während in Deutschland die Tränen flossen, konnten sie mit den Fans ihrer neuen Wahlheimat lauthals jubeln. Sie haben den Untergang der DFB-Elf quasi aus der ersten Reihe der Gewinnerseite miterlebt.
Tatenlosigkeit auf dem Platz und in der Politik
Während die deutsche Mannschaft über die gesamte Spielzeit hinweg agierte wie die Berliner Regierungspolitik – ohne jeden Glanz, ohne erkennbaren Elan und gelähmt von einer seltsamen, fast schon unheimlichen Saft- und Kraftlosigkeit –, zeigte Paraguay, was echte, ungefilterte Leidenschaft bedeutet. In Deutschland scheint sich ein bleiernes, lähmendes Phlegma breitgemacht zu haben. Eine gefährliche Mentalität des kollektiven Achselzuckens: Man sitzt lieber lethargisch auf der Couch, schaut dem eigenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Niedergang mit einer Mischung aus Fatalismus und Desinteresse zu und lamentiert, anstatt die Ärmel hochzukrempeln.
Genau diese Passivität spiegelte sich auf dem Rasen wider. Man verwaltete den eigenen Mangel an Ideen, bis kurz vor dem entscheidenden Elfmeterschießen plötzlich die nackte Panik ausbrach. Doch wie in der Realität gilt auch im Fußball: Wenn die Krise erst einmal vollends eskaliert ist, ist es für Aktionismus längst zu spät. Der Karren ist im Dreck, das Kind im Brunnen – und in Berlin wie in der DFB-Zentrale klopft man sich für die vermeintlich richtige “Haltung“ am Ende noch gegenseitig auf die Schultern. Bundeskanzler Friedrich Merz schickte gar peinliche Stolz-Bekundungen via Social Media hinterher und schwärmte vom “Teamgeist“, der das Land begeistert habe. Ein Land feiert im Dunning-Kruger-Modus seine eigene Totalblamage, während der Rest der Welt fassungslos den Kopf schüttelt.
Wie meilenweit Deutschland von echter Lebensfreude und einem gesunden, unverunreinigten Gemeinschaftsgefühl entfernt ist, zeigt der direkte Blick nach Asunción und in die Departments Paraguays. Man muss sich vor Augen führen: Die Albirroja hat gestern lediglich die erste große Hürde auf dem Weg in das Sechzehntelfinale genommen. In der deutschen Sportöffentlichkeit wäre so ein Pflichtsieg gegen einen vermeintlichen “Underdog“ früher kaum der Rede wert gewesen – man hätte ihn mit elitärer Selbstverständlichkeit hingenommen.
In Paraguay dagegen explodierte das gesamte Land in einer Welle kollektiver Ekstase. Die Straßen von Ciudad del Este bis Asunción bebten, der Verkehr kam völlig zum Erliegen, Wildfremde liegen sich weinend vor Glück in den Armen, und der Staatspräsident fackelte nicht lange: Er rief prompt einen nationalen Feiertag aus, um diesen historischen Triumph gebührend zu würdigen. Hier spürt man ihn noch – den Hunger, den unbändigen Elan und den Stolz, als Nation gemeinsam für etwas zu brennen und Erfolge lautstark zu zelebrieren.
Während sich das bunte, “passdeutsche Völkergemisch“ der DFB-Auswahl nun auf den Rückflug in die selbsternannte Heimat der Vielfalt macht – reich an moralischen Zeigefingern, aber bitterarm an sportlichem Ertrag –, bleibt eine fundamentale Erkenntnis zurück: Tugenden wie Kampfgeist, pure Begeisterungsfähigkeit und der unbedingte Wille, das Schicksal aktiv in die Hand zu nehmen, sind heute in Südamerika zu Hause. Deutschland hingegen verbleibt in seiner moralischen und bürokratischen Schockstarre – phlegmatisch auf der Couch sitzend, unfähig zu handeln, und lethargisch wartend auf den nächsten Abgesang.
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