Kolonie Independencia: Ein historischer Meilenstein für die gesamten deutschen Kolonien im Guairá-Departement: Am gestrigen Mittwoch vollendete Frieda Braselmann ihr 100. Lebensjahr. Damit erreichte die älteste Einwohnerin der Siedlungsgemeinschaft von Independencia, Carlos Pfannl und Sudetia ein außergewöhnliches Jubiläum.
Musikalische Ständchen für die Jubilarin
Das Fest wurde am gestrigen Nachmittag im Kreise von mittlerweile fünf Generationen gefeiert – genau so, wie es sich die Jubilarin gewünscht hatte: Gebührend, herzlich und im vertrauten familiären Rahmen auf ihrem Anwesen. Für ein ganz besonderes musikalisches Highlight sorgten dabei der örtliche Chor sowie die Blaskapelle aus Independencia. Beide Ensembles fanden sich auf dem Grundstück ein und erfreuten das Geburtstagskind sowie die geladenen Gäste mit einer Reihe stimmungsvoller Musikstücke.
Beschwerlicher Neubeginn im dichten Urwald
Als echte Zeitzeugin verkörpert Frieda Braselmann die Geschichte der Region wie kaum eine Zweite. In ihren Erinnerungen sind die extrem beschwerlichen Anfangsjahre der Kolonie noch immer präsent: Die ersten Siedler standen damals vor dem Nichts und mussten sich ihre Existenz Parzelle für Parzelle mühsam dem dichten, schier undurchdringlichen Urwald abringen. Ohne moderne Maschinen, nur mit Axt, Säge und Ochsenkarren ausgerüstet, wurden die gigantischen Bäume gerodet, um einfache Holzhütten zu errichten und den nährstoffreichen Boden für die ersten Nutzpflanzen freizulegen. Unwegsames Gelände, tropische Hitze, heftige Unwetter und die Isolation ohne ausgebaute Straßen verlangten der Pioniergeneration damals unvorstellbaren Opfermut und einen unbeugsamen Überlebenswillen ab.

Blütezeit des Weinbaus und Wandel der Zeiten
Aus diesem harten Kampf gegen die Wildnis erwuchs im Laufe der Jahrzehnte eine blühende Kulturlandschaft. Frieda Braselmann erlebte hautnah mit, wie aus einfachen Rodungsschneisen geordnete Wege entstanden, die Infrastruktur Schritt für Schritt ausgebaut wurde und schließlich die Blütezeit des lokalen Weinbaus anbrach, der die Kolonie Independencia weit über die Grenzen des Guairá-Departements hinaus berühmt machte. Trotz all dieser tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen, dem Einzug moderner Technologien und den Herausforderungen im Wandel der Zeit hat sie sich stets eine eiserne Gelassenheit, Anpassungsfähigkeit und den Blick für das Wesentliche bewahrt.
Ein aktives Leben als Fundament
Wer die Jubilarin auf ihrem Anwesen besucht, trifft auf eine Frau, deren Lebensmut und Tatkraft Generationen inspiriert. Auch wenn die körperlichen Kräfte im hohen Alter naturgemäß nachlassen und ein erlittener Oberschenkelhalsbruch sie inzwischen dazu zwingt, kürzerzutreten und auf liebgewonnene Handgriffe zu verzichten, blickt Frieda Braselmann stolz auf ein langes, aktives Leben zurück.
Über Jahrzehnte hinweg gehörten das tägliche Füttern ihrer Hühner, die eigenständige Pflege des Hauses und die unermüdliche Arbeit im Garten zu ihrer unverzichtbaren Tagesstruktur. Dieses natürliche Bewegungsprogramm beschreibt sie rückblickend schmunzelnd als ihr ganz persönliches Geheimrezept, das ihr bis heute ein starkes Fundament für ihre Gesundheit geschenkt hat.
Geistige Frische und Lebensfreude
Neben der stetigen Aktivität an der frischen Luft in früheren Jahren sieht die Jubilarin heute vor allem im aktiven geistigen Austausch mit Familie, Nachbarn und Bekannten den Schlüssel für ihre erstaunliche geistige Frische. Das Weitergeben von Lebenserfahrung, das Erzählen alter Geschichten aus der Pionierzeit und das aufrichtige Interesse an den Anliegen der jüngeren Generationen halten ihren Geist rege.

Als gestern neben den musikalischen Ständchen auch zahlreiche Glückwünsche, Blumen – darunter ein beeindruckendes Bouquet aus genau 100 Rosen – und Aufmerksamkeiten aus der gesamten Region auf ihrem Anwesen eingingen, blickte Frieda Braselmann voller Dankbarkeit auf ein volles Jahrhundert bewegter Geschichte zurück. Ihre Zuversicht und ihre ungebrochene Lebensfreude sind für die gesamte Gemeinschaft der beste Beweis dafür, dass das Alter vor allem von der inneren Einstellung geprägt wird.
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