Asunción: Die aktuellen Ergebnisse der PISA-Studie legen die tiefgreifenden Mängel des paraguayischen Bildungssystems erneut offen: 74 % der 15-jährigen Schülerinnen und Schüler verstehen nicht, was sie lesen, und 90 % erreichen in Mathematik nicht einmal das Grundniveau.
Angesichts dieser Zahlen mahnen die Bildungsexpertinnen Sofia Scheid und Nancy Ovelar dringenden Handlungsbedarf und eine grundlegende Überprüfung des Schulsystems an.
Zwei Jahrzehnte ohne Fortschritt bei Grundkompetenzen
Scheid, Doktorin der Erziehungswissenschaften, betonte in der Sendung “Fuego Cruzado“ (Sender GEN-Nación Media), dass es sich hierbei um kein neues Phänomen handele, sondern um ein Problem, das Paraguay seit rund zwei Jahrzehnten mit sich schleppe. Das Fehlen grundlegender Lerninhalte gefährde den Verbleib der Jugendlichen im Bildungssystem massiv.
-Fundament für moderne Technologien fehlt: Scheid stellte klar, dass Leseverständnis und mathematisches Denken die Basis für jedes weitere Lernen bilden. „Bei diesem Leistungsniveau kann ich weder computergestütztes Denken, Programmieren, Robotik noch künstliche Intelligenz vermitteln, wenn diese grundlegenden Fähigkeiten fehlen“, warnte sie.
-Mängel in der Methodik: Für den Leseunterricht forderte Scheid eine gezielte und systematische Vermittlung ab dem Vorschulalter. Zudem kritisierte sie eine zu weit gehende Flexibilisierung beim Notensystem, die dazu führe, dass Kinder in die nächste Klassenstufe versetzt würden, ohne lesen gelernt zu haben.
Ein globales Symptom und die Rolle der Gesellschaft
Nancy Ovelar, paraguayische UNESCO-Botschafterin und ehemalige Vizeministerin für Bildung, bezeichnete die Situation als einen “globalen Absturz beim Leseverständnis“. Das Problem gehe weit über rein akademische Kennzahlen hinaus:
„Es ist das Symptom einer Gesellschaft, die zunehmend die Fähigkeit verliert, sich zu konzentrieren, Aufmerksamkeit zu schenken, Geduld zu üben, zuzuhören, zusammenzuleben und Empathie zu empfinden,“ sagte sie.
Ovelar sprach sich dafür aus, erfolgreiche Bildungssysteme anderer Länder genau zu analysieren, deren Schüler einen deutlich höheren Anteil an fortgeschrittenen Lernniveaus erreichen. Zudem müsse das Thema Lesekompetenz dauerhaft auf der politischen Agenda stehen – und nicht nur bei der Veröffentlichung internationaler Testergebnisse diskutiert werden. Hierfür seien auch bessere Rahmenbedingungen an den Schulen erforderlich, etwa der freie Zugang zu Büchern und Schulbibliotheken.
Beide Expertinnen kommen zum selben Schluss: Um den eklatanten Mängeln bei den Grundkompetenzen zu begegnen, reichen reine Lehrplananpassungen nicht aus. Es braucht frühzeitige Interventionen ab den ersten Schuljahren, um gezielt auf die individuellen Schwierigkeiten der Schüler einzugehen.
Wochenblatt / adn digital















