Neun Tage, neun Stufen: Ein tiefer Einblick in die Tradition der Totengebete

Caaguazú: In der paraguayischen Kultur verabschiedet man sich nicht Knall auf Fall oder in der Stille, wenn jemand geht. Der Tod wird von Gebeten, Begegnungen und Traditionen begleitet, die den Schmerz lindern und die Seele des Verstorbenen Gott anbefehlen sollen.

Einer der am tiefsten verwurzelten Bräuche ist das Novenario: Neun Gebetstage, die nach der Beerdigung beginnen und bei Einbruch der Dunkelheit Verwandte, Nachbarn und Freunde zusammenführen. Dieser Ritus findet seinen Abschluss in einem ganz besonderen Moment: Der Novena Paha, bei der die Familie ein großes gemeinsames Essen für alle Teilnehmer organisiert.

Doch so ein Gebet wird nicht einfach irgendwie abgehalten. Man benötigt Altäre mit neun Stufen und den berühmten Ñembo’e’ýva – den Vorbeter, der das Gebet leitet.

„Seit 35 Jahren rufen mich die Leute von überall her an, damit ich das Gebet leite. Meine Großmutter hat mir das Ñembo’e Jahe’o beigebracht – das Gebet mit Klagegesang, voller Gefühl, um den Schmerz der Angehörigen zu begleiten“, erzählte die 56-jährige Doña Victoria aus Caaguazú.

„Hier auf dem Land wird definitiv für die Verstorbenen gebetet. Vor allem die einfachen Leute legen Wert darauf; die Kosten spielen für sie keine Rolle. Ich verlange kein Geld für das Beten, aber man gibt mir immer eine kleine freiwillige Anerkennung. Aber es werden Säfte, Bonbons und Kekse verteilt, und das kostet natürlich“, fügte sie an.

„Ich habe bei den Gebeten, die ich geleitet habe, schon alles gesehen: Sehr vereinte Familien, andere, die bestimmte Verwandte nicht hereinlassen, oder solche, die die unehelichen Kinder verstoßen. Man erlebt alles Mögliche, wenn man herumkommt. Aber was wirklich zählt, ist die Bitte um die ewige Ruhe des Verstorbenen“, erzählte sie weiter.

Die Frau berichtete auch, dass es nur noch wenige Menschen gibt, die aus reiner Hingabe beten: „Heutzutage gibt es viele, die diesen Dienst als Job betrachten und einen festen Preis verlangen. Man sollte aus Frömmigkeit beten, nicht aus Eigeninteresse“, schloss sie.

Wochenblatt / Cronica

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