Auswanderer-Erfolgsgeschichte: Das neue Leben der Agraringenieurin Sofia Galich in Paraguay

Asunción: Sofia Galich (42) wurde in einem Land geboren, das es heute nicht mehr gibt: Der Sowjetunion. Auf den Namen Paraguay stieß sie eher zufällig beim Lesen eines historischen Buches über den russischen General Iwan Beljajew. „Manche Leute denken vielleicht, dass Südamerika sehr gefährlich ist. Aber in diesem Moment öffnete ich die Karte und dachte mir: Warum eigentlich nicht?“, erzählt sie.

Heute findet man die Auswanderin in einem gemütlichen Café in einer ruhigen Straße von Asunción. Ein mit Blumen verziertes Fahrrad und ein illustriertes Schild heißen die Besucher willkommen. Beim Betreten des Raumes empfängt einen eine romantische Vintage-Atmosphäre. „Die Stuhlbezüge und Tischdecken habe ich selbst genäht und das gemietete Lokal eigenhändig renoviert“, berichtet Galich stolz über ihr Café Sofi Rusa. Ein Wandgemälde in der Nähe zeigt, was Paraguay für sie bedeutet.

Die Prägung eines starken Charakters

Mit spielerischem Witz erzählt Galich, dass in ihrer sibirischen Heimat die Temperaturen auf bis zu 40 Grad unter Null fielen. Dort wuchs ihr direkter, pragmatischer und arbeitsamer Charakter heran. Später lebte sie in Kasachstan, bevor sie für 15 Jahre nach Moskau zog.

Ihr Werdegang zeugt von großer Entschlossenheit: „Ich versuchte, an der Musikhochschule im Fachbereich Gesang zu studieren, musste den Studiengang aber aus Geldmangel abbrechen. Später studierte ich Agrarwissenschaften,“ berichtet sie. Während dieser Zeit hielt sie sich mit mehreren Jobs gleichzeitig über Wasser, putzte Böden und klebte Straßenwerbung. Über die Jahre arbeitete sie sich mit eisernen Disziplin an die Spitze der gehobenen Konditorei in der russischen Hauptstadt hoch, wo sie schließlich eine internationale Konditoreischule gründete.

Der finanzielle Erfolg brachte jedoch keine Lebensqualität. Zeit für ihre drei Kinder blieb kaum. Als sich die Arbeitstage routinemäßig von 06:00 bis 23:00 Uhr erstreckten, wusste Sofía, dass sie etwas ändern musste: „Manchmal musste ich beim Duschen die Zeit stoppen,“ sagt sie.

Ankunft und Kulturfeuerwerk in Paraguay

Ursprünglich reiste sie nach Asunción, um lediglich eine Eigentumswohnung als Kapitalanlage zu erwerben. Doch der direkte Kontakt mit dem Land warf alle Pläne über den Haufen. Als sie am Flughafen Silvio Pettirossi landete – ohne Internetverbindung oder Buskarte – erlebte sie einen positiven Kulturschock.

„Die Businsassen selbst bezahlten meine Fahrkarte und begleiteten mich sogar zu Fuß durch die Stadt, bis ich eine SIM-Karte für mein Handy hatte“, erinnert sie sich noch immer erstaunt. Die Natur, die Sonne und die Gastfreundschaft der Einheimischen faszinierten sie so sehr, dass sie innerhalb nur einer Woche eine radikale Entscheidung traf: Sie löste ihre Zelte in der Slowakei auf, wo sie zu diesem Zeitpunkt lebte, und zog dauerhaft nach Paraguay.

Ein neuer Lebensrhythmus

Für Galich ist Paraguay nicht nur ein Investitionsstandort, sondern das ideale Umfeld für ihre Mutterrolle. Das Land ermöglicht ihr, Selbstständigkeit und die Erziehung ihrer Kinder in Ruhe und Freiheit miteinander zu vereinbaren.

Ihre kulturelle Integration zeigt sich auch auf dem Teller: Die Sopa Paraguaya war das erste Gericht, das sie bei ihrer Ankunft probierte. Sie rechnete mit einer flüssigen Suppe und bekam etwas völlig anderes serviert – ein traditionelles Maisbrot. Da dies an einem 14. Februar geschah, behält sie bis heute die Tradition bei, an jedem Jahrestag ihrer Ankunft Sopa Paraguaya zu essen.

Die Entschleunigung des Landes ließ sie innehalten: „An diesem Ort hat sich mein Rücken entspannt und ich konnte wieder atmen. Ich liebe es, dass es hier keine Eile gibt… Wenn man 20 Jahre lang ohne Zeit gelebt hat, macht man alles nur noch aus Reflex schnell. Aber hier wird man gezwungen, abzuschalten,“ betont sie.

Neuerfindung im Herzen von Asunción

Die Anpassung an einen neuen Markt brachte Herausforderungen mit sich. Aus der Not heraus entstand Sofi Rusa Comida Casera y Postres (Sofis russische Hausmannskost und Desserts), ein kleines Lokal im Zentrum von Asunción, mit dem sie heute ihre Familie finanziert. In der Küche adaptiert sie Rezepte aus ihrer Heimat, um bezahlbare Preise anzubieten: „Wenn du alleinerziehende Mutter bist und mit deinen eigenen Händen arbeitest, bleibt keine Zeit für Panik,“ sagt sie.

In ihrer Küche hält Galich die Aromen ihrer Kindheit lebendig. Auf der Speisekarte stehen Klassiker der slawischen Küche wie Pelmeni (fleischgefüllte Teigtaschen), traditioneller Borschtsch (Geflügel-/Fleischsuppe) und Piroggen (gefüllte Teigtaschen). Nebenbei gibt sie im Lokal Kurse für Tortendekoration.

Nachhaltige Zukunfts-Projekte

Ihre Berufung als Agraringenieurin hat Galich nicht vergessen. Sie plant die Entwicklung eines nachhaltigen Ökodorfes und arbeitet an Prototypen für ökologischen Wohnungsbau aus Naturmaterialien wie Lehm und Bambus. Diese Projekte sollen bezahlbaren Wohnraum schaffen, in dem Menschen leben und ihre eigenen Lebensmittel ernten können.

Wenn Galich früher an Südamerika dachte, stellte sie sich Palmen, Obstbäume und bunte Vögel vor. Gefunden hat sie jedoch vor allem die Herzlichkeit ihrer neuen Heimat: „Die Paraguayer nehmen Fremde offen auf, ihre Herzen sind sehr warm. Allen gegenüber und auch untereinander… Deshalb möchte ich paraguayische Staatsbürgerin werden,“ betont sie abschließend.

Wochenblatt / Asunción Times

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