Südamerikas Laufvogel-Gigant: Der Nandu im Porträt – Biologie, Verhalten und Bedrohung

Asunción: Paraguay beherbergt eine außergewöhnliche Vielfalt an Vogelarten. Sie bevölkern Wälder, Feuchtgebiete, die schier unendlichen Graslandschaften, den Chaco und sogar die Großstädte. Dennoch bleiben viele dieser Arten oft unbemerkt, selbst wenn sie direkt in unserer Nachbarschaft leben.

In einer Serie “Vogelwelt Paraguays“ stellte die Asuncion Times mit Unterstützung des Club de Observadores de Aves del Paraguay (CON) gefiederten Bewohner vor – ihre Lebensräume, ihr Verhalten und ihre Schlüsselrolle im Ökosystem.

Hierbei geht es um den Nandu (Rhea americana). Er hat eine erblüffende Ähnlichkeit mit dem afrikanischen Strauß

In den weiten Open-Air-Landschaften Paraguays prägt eine Art bis heute das Panorama: Der Große Nandu, lokal einfach Ñandu genannt. Als größter Vogel Südamerikas erinnert er auf den ersten Blick stark an den afrikanischen Strauß. Beide gehören zur urzeitlichen Überordnung der Paleognathae – einer Gruppe flugunfähiger Laufvögel.

Die Ähnlichkeit ist jedoch rein äußerlich. Nandus und Strauße entwickelten sich auf unterschiedlichen Kontinenten und gehören zu völlig verschiedenen Familien: Den Rheidae in Südamerika und den Struthionidae in Afrika. Was beide Arten verbindet, ist ihr auffälligstes Merkmal: Sie können nicht fliegen. Doch genau diese Einschränkung führte zu einer Meisterleistung der Evolution. An Land ist der Nandu auf Tempo getrimmt und erreicht Spitzengeschwindigkeiten von über 60 km/h. Mit seinen kraftvollen Beinen und hervorragendem Gleichgewichtssinn entkommt er selbst Ozelots, Pumas und Jaguar-Angriffen.

Der perfekte Vater: Rollentausch im Tierreich

Was den Nandu jedoch wirklich einzigartig macht, ist weder seine Größe noch seine Schnelligkeit, sondern sein Brutverhalten. In einer spektakulären Umkehrung der typischen Muster im Vogelreich übernimmt das Männchen fast die gesamte Aufzucht. Der Nandu-Hahn baut ein einfaches Boden-Nest, oft kaum mehr als eine flache, im Gras versteckte Mulde. Gleich mehrere Weibchen legen ihre Eier in dieses gemeinsame Nest, sodass Gelege von nicht selten über 20 Eiern entstehen.

Sobald das Gelege komplett ist, ziehen die Hennen weiter – doch der Vater bleibt. Etwa 35 bis 40 Tage lang bebrütet er die Eier, trotzt glühender Hitze, Regengüssen und Fressfeinden. Auch nach dem Schleifen der Eischalen geht seine Arbeit weiter: Er beschützt, führt und verteidigt die Küken, die ihm bereits wenige Stunden nach dem Schlupf auf Schritt und Tritt folgen. Für Naturbeobachter bleibt diese Vaterliebe eines der eindrucksvollsten Beispiele für geschlechtlichen Rollentausch im Tierreich.

Der Gärtner des Ökosystems

Neben seinem Sozialverhalten erfüllt der Nandu eine überlebenswichtige Funktion in der Natur. Seine vielseitige Speisekarte – bestehend aus Früchten, Samen, Insekten und kleinen Wirbeltieren – macht ihn zum perfekten Samenverbreiter und natürlichen Schädlingsbekämpfer. Kurz gesagt: Der Nandu sorgt unermüdlich für die Pflege und Regeneration der paraguayischen Savannen.

Fünf faszinierende Nandu-Fakten:

-Das Flügel-Ruder: Obwohl er nicht fliegen kann, nutzt er seine Flügel beim Rennen als “Ruder“, um bei Höchstgeschwindigkeit hakenförmige, blitzschnelle Haken zu schlagen.

-Überraschende Schwimmer: Wenn es hart auf hart kommt, geht der Nandu ins Wasser – eine seltene Fähigkeit für einen so großen Landvogel.

-Panoramablick: Durch seine riesigen Augen erkennt er Bewegungen aus extremer Distanz – der perfekte Schutz im offenen Gelände.

-Frühstarter: Die Küken sind “Nestflüchter“. Sie folgen dem Vater schon Stunden nach dem Schlupf in kompakten Gruppen.

Eine Art unter Schutzbedarf

Trotz seiner Statur und Präsenz leidet der Nandu zunehmend unter den Veränderungen der Landschaft. Die Ausdehnung der intensiven Landwirtschaft, Baumplantagen und die Zerstückelung der natürlichen Savannen rauben ihm den Lebensraum. Wilderei und das Einsammeln der Eier setzen den Beständen während der Brutzeit zusätzlich zu.

Zwar findet man den Nandu noch in einigen Teilen Paraguays – vor allem in Schutzgebieten –, doch seine Verbreitung ist längst nicht mehr so flächendeckend wie früher. Sein Vorkommen gilt heute als wichtiger Bio-Indikator für den Gesundheitszustand des Ökosystems Grasland. Umso wichtiger ist die Aufklärung der Öffentlichkeit. Veranstaltungen wie die South American Bird Fair, die vom 17. bis 20. September 2026 im Kulturzentrum des Hafens von Asuncion stattfand, bieten eine Schlüsselgelegenheit, wissenschaftliches Wissen, Feldforschung und Publikumsinteresse zu verbinden.

Wochenblatt / Asunción Times

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