Asunción: Ein deutscher Auswanderer sorgt auf den Social-Media-Kanälen in Paraguay für erhitzte Gemüter. In einem viral gegangenen Video beschwert sich der TikToker Julien Eckmann lautstark und gestikulierend über das paraguayische Verkehrschaos. Sein Hauptkritikpunkt: Das Phänomen des Zebrastreifens.
Während man in Deutschland vor jedem Fußgängerstreifen ehrfürchtig in die Eisen steigt, betrachten paraguayische Autofahrer die weißen Querstreifen auf dem Asphalt eher als hübsches Straßendekor denn als rechtlich bindendes Anhaltesignal. Das Aufbegehren des Deutschen stieß bei den Einheimischen auf eine Mischung aus amüsierter Ironie und gepflegter Genervtheit.
Da packt der deutsche Michel seine Siebensachen, kehrt der deutschen Kontrollwut den Rücken, schwärmt im Internet von der „ungefilterten südamerikanischen Freiheit“ – und fängt am zweiten Tag nach der Landung prompt an, den Einheimischen das korrekte Überqueren der Fahrbahn nach Straßenverkehrsordnung beizubringen! Es ist die unsterbliche Tragikomödie des deutschen Auswanderers: Man kann den Deutschen zwar aus Deutschland herausholen, aber niemals die Straßenverkehrsordnung aus dem Deutschen.
Kaum ist der Koffer im tropischen Eigenheim ausgepackt, bricht der innere Hilfspolizist durch die gebräunte Haut. Die paraguayischen Verkehrsteilnehmer, die seit Jahrzehnten mit einer gesunden Dosis Anarchie, Hupe und Gottvertrauen unfallfrei durch den Feierabendverkehr steuern, fragen sich vollkommen zu Recht: Wenn dir das paraguayische Gemüt zu ungeordnet ist, warum bist du dann nicht im betreuten Wohnen in Wuppertal geblieben? Der paraguayische Straßenverkehr ist eine Naturgewalt – wer dort überleben will, braucht Instinkt und keine Paragrafen. Wer stattdessen erwartet, dass die Südamerikaner wegen eines deutschen Fußgängers ehrfürchtig den Anlasser ausmachen, hat das Wesen seiner neuen Heimat gründlich missverstanden.
Wochenblatt / La Nación / Abc Color















