Der Brexit und das Straucheln des britischen Pfund

Am 23. Juni 2016 stimmten die Briten mit knapper Mehrheit von knapp 52 Prozent für den Austritt aus der Europäischen Union (EU), der „Brexit” war damit besiegelt.

Grund für dieses Votum war der damalige konservative Premierminister David Cameron. Um den EU-Skeptikern entgegenzukommen hatte er im Januar 2013 ein Referendum für den Fall seines Sieges bei der Unterhauswahl 2015 versprochen. Obwohl konservativ eingestellt, warb Cameron im Wahlkampf für einen Verbleib in der EU. Die Wähler aber entscheiden sich dagegen, Cameron trat daraufhin zurück. Nachfolgerin wurde die Konservative Theresa May.

Großbritannien will sich Ende März 2019 von der EU trennen, nachdem gemäß Artikel 50 des Lissabon-Vertrages zweijährige Verhandlungen über das künftige Verhältnis des Ausstiegskandidaten und der EU beschlossen wurden. Die Verhandlungen zwischen London und Brüssel über einen klar strukturierten EU-Austritt Großbritanniens aber sind ins Stocken geraten.

Zuletzt hatte es bei den Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und Großbritannien keinen Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen gegeben.

Wertverfall Pfund

Seit der Brexit-Entscheidung bleiben Zuwanderer fern und damit fehlen der britischen Wirtschaft wichtige Arbeitskräfte. Zudem sind Investitionen stark zurück gegangen und die britische Industrie ist wegen des sinkenden Exportgeschäfts dieses Augusts so langsam gewachsen, wie schon seit zwei Jahren nicht mehr. Das zeigt auch ein Blick auf die Indizien: Das britische Pfund hat gegenüber dem Dollar fast 20 Prozent an Wert verloren und gegenüber dem Euro rund 15 Prozent eingebüßt. Kurz nach Bekanntgabe des Brexit-Votums sank der Kurs gar auf ein Rekordtief und erreichte mit 1,1841 Dollar den schwächsten Wert seit dem Jahr 1985.

Finanzexperten warnen vor dem „Hard Brexit“, der radikalen Abkehr von Europa und drängen, den Weg in Richtung eines „Soft Brexit“ einzuschlagen. Je länger es aber keinen konkreten Austrittsplan gibt, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass genau diese harte Realität zutreffen wird. Denn der Austritt aus der EU hat nicht nur wirtschaftliche, sondern auch politische Folgen für Großbritannien: Mit einem Austritt verlässt das Land auch den europäischen Binnenmarkt – damit müssen alle Verträge mit den Mitgliedsstaaten neu verhandelt werden. Die EU verliert 17 Prozent ihrer Wirtschaftskraft. Einzig für Touristen, die Urlaub in London, einer der teuersten Metropolen der Welt, machen, kommt das schwache Pfund hingegen gerade richtig. Denn shoppen ist selten so günstig gewesen.

Dass die knappe Entscheidung für einen Austritt aus der EU für viele noch lange nicht akzeptiert wurde, zeigte eine friedliche Großdemonstration am 20. Oktober in London. Rund 670.000 Menschen kamen in der britischen Hauptstadt zusammen, um ihrem Ärger gegenüber dem Brexit Luft zu machen. Aufgerufen zu dem Marsch hatte die Kampagne „People’s Vote“, die ein zweites Referendum zum EU-Austritt durchsetzen will.

Betrübte Aussichten

Ende März 2019 tritt Großbritannien offiziell aus der EU aus. Doch anstelle des Abschließen eines Zeitplan gemäß der Scheidungsmodalitäten, ist eine Einigung hinsichtlich eines geordneten Brexit zwischen der EU und Großbritannien noch in weiter Ferne. Stattdessen ist ein No Deal ein Stück näher gerückt und damit eine Einigung vor dem nächsten EU-Gipfel Mitte Dezember eher unwahrscheinlich. In Deutschland ergreift die Regierung nun konkrete Vorbereitungen für dieses Szenario. So will der deutsche Zoll 900 zusätzliche Beamte einstellen. Auch wenn laut Premierministerin Theresa May seit dem informellen EU-Gipfel in Salzburg im September 2018 mittlerweile zu 95 Prozent fertig sei. Nach wie vor ungelöst ist zum Beispiel die Frage nach der künftigen Grenze zwischen der Republik Irland und dem britischen Nordirland.

 

Die Furcht vor einem ungeordneten Austritt Großbritanniens aus der EU, die Ungewissheit über wirtschaftliche Folgen, verunsicherte Anleger und enttäuschende Konjunkturdaten – bis die Verhandlungen um den Austrittsvertrag Großbritanniens aus der EU genau geklärt sind, bleiben Experten hinsichtlich der Entwicklung des Pfund pessimistisch. Die britische Währung werde – so die Prognosen – voraussichtlich in einer Spanne von 1,27 bis 1,28 Dollar pendeln.

Wochenblatt / FAZ