Der Mann, der 40 Jahre im Busch lebte

Colonia Independencia: Vor 87 Jahren kam Harold Von Schocher nach Paraguay. Damals war der Österreicher vier Jahre alt. Nun erzählte er wie er 40 Jahre im Busch lebte und die Ressourcen der Natur nutzte. Zudem hat er eine Botschaft über die Zerstörung der Natur.

Wie lange ist es her, dass Ihre Familie nach Paraguay kam?

– Meine Familie kam im Dezember 1932. Ich war damals 4 Jahre alt.

Wie war die Reise von Österreich nach Paraguay?

– Ich erinnere mich wenig.

In welchem Gebiet ließen sich ihre Eltern nieder?

– In der Gegend von Villarrica in Cañada, Tape Ka’aguy.

Was taten Sie da?

– Sie widmeten sich der Vieh- und Landwirtschaft. Mein Vater war auch als Landarzt tätig. Er half den Bauern, sich um ihre Gesundheit zu kümmern.

Wie viele Geschwister haben Sie?

– Wir sind zwei Brüder.

Sind sie zur Schule gegangen?

– Nein, ich bin nicht zur Schule gegangen.

Wie viele Sprachen sprechen Sie?

– Fließend spreche ich Spanisch, Guarani, Portugiesisch und ein wenig Englisch.

Und Deutsch?

– Natürlich.

Haben Sie diese Sprachen zu Hause gelernt?

– Ja und auch nach Treffen und Besichtigung anderer Orte. So habe ich zum Beispiel die Sprache der Süddeutschen gelernt, die Sprache der Mennoniten, die auch anders ist. Es ist ähnlich wie Englisch und das habe ich auch gelernt.

Wie war Ihre Jugend? Haben Sie auf dem Feld gearbeitet?

– Ja, mit Tieren und auf dem Feld.

Sie beschlossen alleine zu leben. Das war vor 40 Jahren. Wie kam es dazu?

– Ich habe als Mechaniker gearbeitet, zuerst in der Zuckerrohrfabrik und dann in Asunción. Dann hatte ich Urlaub und traf einige Deutsche, die im Busch lebten. Ich wollte auch so leben, als ich sah, wie sie zurechtkamen. Ich mochte ihr Leben zu sehr.

Was haben die Deutschen im Wald gemacht?

– Um zu überleben, pflanzten sie beispielsweise Ananas und verkauften sie in Villarrica.

Wenn Sie also den Hügel erklimmen, heißt das, dass dies ein guter Ort ist, um ein ganzes Leben zu leben. Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt bereits eine Partnerin? Hatten Sie da schon Kinder?

– Nun, nicht das erste Mal. Aber als ich das zweite Mal in den Urlaub fuhr, war es soweit und ich habe geheiratet.

Haben Sie in Asunción geheiratet? War es in den 1940ern oder 1950ern und kehrten Sie dann nach Villarrica zurück?

– Ja, das wird damals gewesen sein.

Wann haben Sie entschieden der Stadt den Rücken zu kehren und sich auf einem Hügel niederzulassen?

– Die Wahrheit ist, dass ich immer den Traum hatte aber dann erst die Energie fand es zu konkretisieren.

Erinnerst Sie sich wie es an diesem Tag war?

– Nun, zuerst habe ich eine Art Hütte aus Zweigen und Blättern gemacht. Genau wie die Eingeborenen. So habe ich eine Weile gelebt.

Wie waren ihre Tage damals, wie liefen sie ab? Erinnern Sie sich?

– Mehr oder weniger. Ich besuchte regelmäßig meine Familie. Ich habe auch 7 Jahre mehr oder weniger bei der Firma Robison gearbeitet, die in der Umgebung Asphaltstraßen angelegt hat.

Würden Sie mir von Ihrem Leben auf dem Hügel erzählen.

– Zuerst war es ein Haus aus Zweigen und Blättern. Dann baute ich ein kleines Bretterhaus. Manchmal habe ich Mate und Tereré getrunken. Ich habe Maniok, Mais und Bohnen für meinen Verzehr angepflanzt. Da ich auf Fleisch nicht so scharf war hatte ich keine Probleme und schaffte es damit.

Wie war es dann? Was macht eine Person, die die ganze Zeit an einem solchen Ort allein ist? Hatten Sie eine Art Religion?

– Ich hatte mich mit Zeugen Jehovas zusammengetan und viel von ihnen gelernt. Aber ich habe normalerweise nicht so viel auf dem Hügel gebetet.

Wir sprechen von mehr als 40 Jahren. Was macht man in einer Krankheitssituation im Busch?

– In letzter Zeit hat mich das Rheuma getroffen und als ich einmal Ischias hatte, war ich fast gelähmt. Dann kam ich zurück, weil ich nicht mehr laufen konnte. Ich gönnte mir ein wenig Ruhe und als ich wieder laufen konnte, ging ich zurück zum Hügel. Meine Frau, die Ärztin ist, fragte mich, wie ich mich selbst behandelt habe und ich sagte ihr mit einem Flüssigkeitsbad und heißem Mate. Ahh ja, sagte sie und gab mir dann Tabletten. Dies wirkte zwar sofort aber nur von kurzer Dauer. Was mir am meisten half war die Knospe einer Pflanze deren Wirkung länger anhielt, die Knospe des Pyno Guasu (Urera baccifera)

Und wie haben Sie das zubereitet?

– Ich habe das Pyno Guasu mit dem heißen Mate getrunken. Das wächst wie ein Busch.

Dann haben Sie gelernt, alle Dinge der Natur auch in Ihr Leben einzubeziehen. Haben Sie in der Gegend auch gejagt?

– Ich habe es später sein gelassen, weil es nichts mehr zum Jagen gab.

Haben Sie sich jemals in Gefahr gefühlt? Ich kann mir vorstellen, dass es da Schlangen gibt.

– Ja, manchmal, aber mit den Schlangen habe ich in Frieden gelebt. Ich kenne ein Gebet gegen Schlangen.

Und das hat manchmal geholfen?

– Allein das Gebet zu sprechen war genug. Als ich einmal aus dem Bach kam und merkte, dass jemand in mein Haus eindrang um zu stehlen, überprüfte ich alles und merkte, dass es doch nicht so war. Ich habe eine Klapperschlange gefunden die da schlief und sie in einen Eimer gepackt. Die Nacht darauf ließ ich sie wieder raus und ab da patrouillierte sie mein Haus und beschützte mich.

Sie haben also gelernt mit Schlangen zu leben obwohl viele Menschen Angst vor Ihnen haben?

– Ich hatte nie diese Angst.

Haben Sie  andere Art von Tieren gesichtet, wie den Jaguar oder so?

– Niemals.

Was haben Sie meistens gekocht und gegessen?

– Mais mit Banane, das isst man wie Polenta.

Haben Sie zu irgendeinem Zeitpunkt Besucher empfangen?

– Ja, ich habe früher Leute empfangen.

Warum haben Sie gut in der Einsamkeit gelebt?

– Ich weiß es nicht, schwer zu sagen, aber ich habe mich so gut gefühlt.

Wenn ich heute allen Menschen, die hyperverbunden kommuniziert leben, den Wert der Einsamkeit beibringen müsste, was könnte ich denen sagen?

– Ich weiß nicht, ich fühlte mich glücklich allein.

In den 1940 Jahren, in denen Sie an diesem Ort waren, sind viele Dinge passiert. Hat es Sie nie gestört, was draußen los war?

– Niemals.

Aber Sie wussten, was draußen los war, richtig?

– Ja, ich habe früher Radio gehört. Aber ich habe mir im Allgemeinen die Berichte europäischer Radios angehört, wie das Radio Stimme Deutschlands, die BBC und andere. Die BBC sendete auf Spanisch. Ich hatte eine Sprecherin namens Andrea Machaín. Ich erinnere mich, als sie einmal sagte, dass der 14. Mai ein ganz besonderes Datum für Paraguay ist und für mich, weil ich Paraguayer bin.

Welches Radioprogramm haben Sie gehört?

– Und vor allem diejenigen, die positive Nachrichten übermittelten, das hat mir gut getan.

Eines Tages beschlossen Sie, in die Stadt zurückzukehren. Sagen Sie uns warum Sie wieder in Villarrica leben?

– Ich weiß nicht warum, aber ich könnte sagen, dass es hauptsächlich daran liegt, dass ich früher nach Villarrica gelaufen bin und dann zurück in den Berg und heute das nicht mehr kann.

Wie viele Kilometer sind Sie gelaufen?

– Von hier bis zu meinem Platz sind es ungefähr 31 Kilometer.

Nachdem Ihr Fall bekannt wurde, gingen viele neugierige Leute zu dem Ort, um zu versuchen, ihn zu finden.

– Ja, sie kamen. Ein Deutscher aus der Kolonie Independencia kaufte Land in der Nähe, wo ich seine Kühe hüten sollte. Einmal kam einer seiner Angestellten und sagte mir: Hier kommt eine Gruppe deutscher Touristen und es waren viele Alte.

Wollten Sie mit Dir reden?

Ja, ich denke schon. Ich erinnere mich, dass einer von ihnen ein großer Mann war, der sagte: Die Ruhe hier ist himmlisch.

Möchten Sie zu diesem Ort zurückkehren?

– Das ist jetzt Geschichte. Es liegt in der Vergangenheit.

Wenn Sie reden wollten, haben Sie mit sich selbst gesprochen? Haben Sie dieses Bedürfnis gespürt?

– Als ich Katzen hatte, habe ich mit ihnen gesprochen. Ich hatte ein oder zwei und sprach von Zeit zu Zeit mit ihnen.

Wenn Sie wieder jung wären, würden Sie zurück in den Busch gehen?

–Ich weiß nicht, jedes Alter hat seinen eigenen Charme.

Welche Botschaft möchten Sie heute geben?

– Es ist sinnlos Mitteilungen zu machen. Jeder ist frei und macht schlussendlich was er will. Zum Beispiel leben derzeit alle jungen Menschen in ihren Handys vergraben und haben keine Augen dafür, was um sie herum passiert.

Sie haben sich nie für Politik oder andere Dinge interessiert?

– Politik ist für faule Leute.

Sind Sie besorgt darüber, dass sich die Natur verschlechtert?

– Ich kann nichts weiter sagen. Das kann nicht gestoppt werden. Es wird immer schlimmer werden.

Wochenblatt / La Nación / Augusto Dos Santos

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5 Kommentare zu “Der Mann, der 40 Jahre im Busch lebte

  1. Poppo Graf von Hahn-Kuchelmisz

    Wow! Jehovas Zeugen Theologie. Ein adeliger Jehovas Zeuge als Teilzeiteremit – zum ersten mal dass mir diese Mischung vorkommt.
    Ein Gebet gegen Schlangen – den Satan muss man totschlagen. Die JZ Standardtheorie „von der Schlange die friedlich mit dem Kinde spielt“ koennte ohne Schlangenserum toedlich enden. Ohne Geld kam er doch nie ganz aus welches er teilweise dann seine Arztfrau anschleppte. Sho far sho good mit dem Einsiedler-natur-aluhuetchen-leben. Wenns brenzlig wird hat man gerne die bis Dato verteufelte Zivilisation als Notnagel parat.
    Er hatte Glueck wenigstens ein Heilkraut zu finden – sonst waren wieder Antibiotika und die boese Pharmaindustrie angesagt. Beschaut man den Gesundheitszustand der Indianer des Chaco dann merkt man sehr schnell warum die lieber im Huehnerstallpferch von Uchlez laz foz zusammengepfercht wie die Karnickel in Fernheim leben als zurueck zu „Muttern Natur“ hundallein im Busch zu leben. Nix mehr zu fressen und zu jagen, Wasser gibts auch nur in kuenstlichen Wasserloechern der Viehzuechter, Wildtiere sind alle ausgestorben, etc. Will man Freinatur leben so braucht man dazu einen riesigen Urwald wie die Indianer des Amazonas wo Tiere sich natuerlich ernaehren und vermehren koennen. In weniger als 1 Million Hektar Urwald ist realistischerweise kein Eremitenleben zu denken da die Wildtiere als Nahrungsquelle halt einen weitraeumigen Hospitat haben muessen.
    Nirgends in Paraguay ist sowas mehr moeglich.
    Wie immer: ungelehrter, analphabetischer Esoteriker ist offen fuer den Quatsch der Jehovas Zeugen und anderen Weltuntergangsreligionen.
    Er hat dann wenigstens 4 bis 6 mal den Weltuntergang der Jehovas Zeugen verpasst – weiss ob sies ihm gesagt haben „dass er (Jesus) diesmal dann doch nicht gekommen ist“? Aluhuetchen hat er nicht gebraucht da kein Smartphone.
    Seine Enkel sind Grosskapitalisten? Nun da hat er doch eingesehen dass Mutter Natur doch nicht Bildung vermitteln kann und den Sproesslingen klammheimlich die Zivilisation empfohlen.
    Na wenigstens wurde er von Adolph nicht in den Krieg eingezogen – was gutes hat das Naturleben dann doch weil zu dumm um ein Gewehr zu handhaben.
    Ich kann allerdings nachvollziehen dass fuer einen Vollzeitstaedter die Natur sowas wie ein ausserirdisches Nirwanna ist und Balsam fuer ihre Psyche ist – immer nur auf Beton zu starren ist sowieso nicht normal.

    1. Poppo Graf von Hahn-Kuchelmisz

      Sie spielen sicher auf die 40 minus 1 Peitschenhiebe in der Bibel an die man u.a. Jesus verabreichte. Die Bibel schreibt 40 minus 1 Peitschenhiebe, also 39, als Pruegelstrafe vor.
      39 Skud Raketen schlugen in Israel ein waehrend dem Irakkrieg was fuer die Juden ein Symbol von Gott war.
      5. Mose 25 V 1 ff.
      „Wenn zwischen Männern ein Streit entsteht und sie vor Gericht treten, und man richtet sie, so soll man den Gerechten für gerecht erklären und den Übeltäter für schuldig. 2 Und wenn der Übeltäter Schläge verdient hat, soll der Richter ihn niederfallen lassen, und man soll ihm vor seinen Augen die bestimmte Tracht Prügel geben, je nach dem Maß seiner Schuld. 3 Wenn man ihm 40 Streiche gegeben hat, soll man nicht weiter schlagen, damit er nicht zu viel geschlagen wird, wenn man ihm mehr Streiche gibt, und daß dein Bruder nicht verächtlich gemacht wird in deinen Augen.“
      Damit es ja auch nie ueber 40 Schlaege ging, war es brauch nur 39 zu geben im Falle man hatte sich verzaehlt um sicher zu gehen dass es nie ueber 40 Hiebe waren.
      Darauf spielten Sie doch an, oder?

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