Leasingrückläufer sind nicht die sicheren Autos, für die sie alle halten

Letzte Woche ruft mich ein Bekannter an, der seit ein paar Jahren einen kleinen Handel in Kassel betreibt, und erzählt mir von einem Kunden der nach vier Monaten wiederkommt. Der hatte einen Leasingrückläufer gekauft, Kompaktklasse, drei Jahre alt, 58000 Kilometer, das volle Programm, Leasinggesellschaft im Fahrzeugbrief, Rücknahmeprotokoll, alles sauber. Beim Reifenwechsel im März hat die Werkstatt dann festgestellt dass der Schweller auf der rechten Seite mit Spachtelmasse aufgebaut war, darunter eine Beule die aussah als wäre das Fahrzeug irgendwann seitlich gegen einen Poller oder einen niedrigen Gegenstand gedrückt worden. Nicht dramatisch, kein Rahmenbruch, kein Sicherheitsproblem, aber ein kosmetisch kaschierter Schaden der im Rücknahmeprotokoll der Leasinggesellschaft nicht auftauchte und der Händler nicht gesehen hatte, und der den Wert um mindestens 2000 Euro drückt. Der Bekannte war genervt, nicht weil der Schaden so schlimm war, sondern weil er das Auto genau deshalb als Leasingrückläufer gekauft hatte weil er dachte, da ist alles dokumentiert.

Das ist die Geschichte die ich immer wieder höre, in Variationen. Leasingrückläufer gelten im Handel als die sichere Wette, gepflegt, regelmäßig gewartet, Erstbesitzer war eine Firma die sich an die Serviceintervalle hält. Was daran stimmt ist dass die meisten tatsächlich eine lückenlose Wartungshistorie haben, das Scheckheft ist voll. Was daran nicht stimmt ist dass die Wartungshistorie nur die geplanten Eingriffe abbildet, Ölwechsel, Inspektion, Bremsen, Verschleißteile. Was sie nicht abbildet ist was zwischen den Inspektionen passiert ist. 

Und bei Flottenfahrzeugen passiert zwischen den Inspektionen manchmal einiges. Wer mit einem Firmenwagen fährt fährt anders als mit seinem eigenen. Der Bordstein beim Einparken, die Kante an der Tiefgarageneinfahrt, der Parkrempler auf dem Kundenparkplatz. Kleinere Schäden die nicht gemeldet werden weil der Fahrer die Selbstbeteiligung scheut oder weil es zu peinlich ist oder weil die Firma das intern regelt. Wenn am Ende der Laufzeit die Leasinggesellschaft das Fahrzeug zurücknimmt, macht ein Gutachter eine Sichtprüfung, die je nach Anbieter zwischen fünf und fünfzehn Minuten dauert, und was nicht sichtbar ist taucht nicht auf.

Monika Fröhlich, die seit neun Jahren Fahrzeuggutachten in der Nähe von Dortmund macht, ihr Büro ist in einem Gewerbegebiet hinter einem Baumarkt, sagt mir sie sehe das Muster regelmäßig. Sie wird von Händlern gerufen wenn etwas an einem Leasingrückläufer nicht stimmt und der Händler es zu spät bemerkt hat. Meistens nach dem Weiterverkauf, wenn der Endkunde sich meldet. Was sie häufig findet ist genau das, kosmetische Reparaturen die bei einer normalen Besichtigung nicht auffallen. Spachtelmasse unter Lack, nachlackierte Stoßfänger bei denen der Farbton minimal abweicht wenn man weiß wo man hinschaut, Schweller die optisch in Ordnung sind und erst beim Klopfen hohl klingen. Ihr letzter Fall, sagt sie, war ein Kombilimousine bei der das gesamte Heck nachlackiert war, sauber gemacht, guter Betrieb, hat man nicht gesehen. Die Rückfahrkamera saß minimal schief, das war der einzige Hinweis, und daraufhin hat sie genauer geguckt. Dahinter steckte ein Auffahrunfall der repariert worden war, wahrscheinlich während der Leasinglaufzeit, und der nirgendwo in den Unterlagen auftauchte. Kein Versicherungsfall, keine Meldung, vermutlich bar bezahlt in einer freien Werkstatt irgendwo auf dem Land, die keine digitale Akte führt. Die Leasinggesellschaft wusste davon nichts, oder wenn doch, hat sie es nicht weitergegeben, das lässt sich im Nachhinein nicht mehr klären. Das Fahrzeug war zwischendurch einmal vom Nutzer gewechselt worden, innerhalb der Firma, und keiner der beiden Fahrer hat sich dafür zuständig gefühlt den Schaden zu melden.

Was ich sehe wenn ich mit Leuten aus dem Handel rede ist dass der Begriff Leasingrückläufer als Qualitätsmerkmal funktioniert, fast wie ein Gütesiegel. Die Kunden zahlen dafür einen Aufpreis, manchmal 1500, 2000 Euro mehr als für ein vergleichbares Fahrzeug ohne diese Herkunft, weil sie davon ausgehen dass sie damit auf der sicheren Seite sind. Und in vielen Fällen stimmt das auch. Nur eben nicht in allen. Rund 1,4 Millionen Leasingverträge laufen nach Schätzungen des Bundesverbands Deutscher Leasing-Unternehmen jedes Jahr in Deutschland aus, das sind massenhaft Fahrzeuge die in den Gebrauchtmarkt fließen. Wenn davon auch nur fünf Prozent versteckte Schäden haben die im Rücknahmeprotokoll nicht stehen, sind das 70000 Fahrzeuge im Jahr bei denen der nächste Käufer etwas bekommt womit er nicht gerechnet hat. Fröhlich hält die fünf Prozent für konservativ geschätzt, sie sagt, bei Flottenfahrzeugen die von Außendienstmitarbeitern gefahren wurden liege die Quote eher bei acht bis zehn Prozent, weil die schlicht mehr Kilometer machen und mehr Gelegenheiten haben sich irgendwo anzustoßen.

Fröhlich sagt, das Grundproblem sei dass die Rücknahmeprüfung der Leasinggesellschaften nicht dafür gemacht ist, versteckte Schäden zu finden. Die ist dafür gemacht, die offensichtlichen Minderwerte zu erfassen, Kratzer, Dellen, Reifenprofil, Innenraumzustand, damit die Gesellschaft dem Leasingnehmer eine Nachzahlung in Rechnung stellen kann. Es ist eine kaufmännische Prüfung, keine technische. 

Ein Sachverständiger der zwanzig Minuten unter das Fahrzeug geht findet Sachen die eine Sichtprüfung vom Parkplatz aus nicht zeigt. Nur ist das nicht vorgesehen, weil es Geld kostet und weil die Leasinggesellschaften davon ausgehen dass das nicht ihr Problem ist sobald das Auto weg ist. Wer vor dem Kauf eines Leasingrückläufers eine Online-Halterabfrage zusammen mit einer Historienprüfung durchführen lässt, bekommt zumindest die registrierten Einträge, Halterwechsel, Werkstattdaten, Kilometerstandverlauf, und bei manchen Fahrzeugen auch Hinweise auf Versicherungsfälle aus dem Ausland falls das Fahrzeug nicht rein deutsch ist. Das deckt den dokumentierten Teil ab, und allein der Kilometerstandverlauf kann schon zeigen ob ein Fahrzeug in seiner Leasingzeit Auffälligkeiten hatte, Sprünge, Lücken, Umschreibungen. Was es nicht zeigt ist der bar bezahlte Werkstattbesuch an dem niemand eine Versicherung beteiligt hat.

Mein Bekannter aus Kassel hat den Fall mit dem Schweller am Ende ohne Anwalt gelöst, er hat dem Kunden einen Teil des Kaufpreises erstattet und den Schaden ordentlich reparieren lassen, das hat ihn ungefähr 1800 Euro gekostet, sagt er, inklusive Lack. Er klopft seitdem jeden Schweller ab bevor er einen Leasingrückläufer ins Lager nimmt, und er lässt sich von den Rücknahmeprotokollen nicht mehr beruhigen. Das klingt banal. Dass es vorher nicht passiert ist auch.

CC
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