Paraguay und die Problematik in Zusammenhang mit bestimmten Bürgerrechten

Asunción: Im Alter von 11 Jahren wurde die Paraguayerin Maria Amarilla von einem Familienmitglied sexuell missbraucht – vier Jahre später erst meldete sie den Vorfall bei der Polizei. Der Täter wurde später freigelassen; als Begründung wurden lediglich “gesundheitliche Probleme” angeben. Aufgrund dieses Vorfalls wurde Amarilla – die heute auch als Vertreterin einer innerländischen Studentenvertretung ist, zum Sinnbild einer breiter gefächerten Problematik innerhalb Paraguays.

Durch den Fall Amarilla wird das Land an eine Statistik erinnert, die seit längerem einen unangenehmen Problemfall darstellt, wie Redakteurin und Hebamme Paula Lang in Erfahrung bringen konnte: “Innerhalb der Südkegel, zu der auch vergleichsweise größere Länder wie Chile und Brasilien zählen, weißt Paraguay die höchste Anzahl an Teenager-Schwangerschaften auf. Im Durchschnitt bringen hier täglich fast zwei Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren ein Kind zur Welt”, bilanziert die Babywissen-Autorin die ernste Situation. Dieser Sachverhalt geht auch damit einher, dass sexuelle Gewalt im Land weit verbreitet ist. Alleine im Jahr 2019 wurden täglich bis zu sieben Missbrauchsfälle sexueller Gewalt an Kinder registriert.

Aktivisten sehen in diesem Kontext deshalb Schritte der Regierung als besonders problematisch an. Im Jahr 2017 wurde Paraguay das erste Land weltweit, welche die Geschlechterlehre aus den Unterrichtsklassen verbannte. Jene Personen, die sich für Rechte in Sachen Reproduktion und sexuelle Freiheit einsetzen, sehen dies als weitere Rechtsverletzung durch die erzkonservative Regierung. Diese hätte ohne fremde Hilfe diesbezüglich aber wohl nur schwer Erfolg gehabt. Während der Kampagne für dieses Verbot bekam sie finanzielle und lobbyistische Unterstützung durch die US-amerikanische, christliche Bewegung “Alliance Defending Freedom”. “Aufgrund jener Bestimmung ist nun alles was mit Geschlechter- und Reproduktionslehre verbunden ist, seit dem Jahr 2017 aus Klassenzimmern verbannt und dämonisiert”, schildert Elba Núñez, Stellvertreterin des lateinamerikanischen und karribischen Kommitees für die Verteidigung von Frauenrechten (CLADEM).

In diesem Zusammenhang musste die hauptberufliche Anwältin feststellen, dass die Problematik sich nicht nur auf das Verbot im Allgemeinen bezieht. Während einer öffentlichen Anhörung, die ihr im paraguayischen Parlament gewährt wurde, hatte sie Schwierigkeiten ihre Ansicht der Dinge zu schildern. Religiöse Aktivisten, die ebenfalls anwesend waren, unterbrachen laufend und schrien Obszönitäten in ihre Richtung. Da sie hier wenig Erfolg hatte, ist sie und andere Aktivisten nun zu anderen Schritten gezwungen: “Wir müssen nun jegliches Unterrichtsmaterial, das irgendwie mit Geschlechterlehre oder Reproduktionsrechten zu tun hat, maskieren. Das Wort “Geschlecht” darf nicht vorkommen, ansonsten ist eine Einladung bzw. Vorträge in öffentlichen Schulen nicht gestattet”, wird Núñez zitiert.

Abgesehen von der Einschränkung von Reproduktionsrechten und Informationen in diesem Zusammenhang, hat die paraguayische Regierung auch ihren Stand zu Abtreibungen vor kurzem sehr deutlich gemacht. Als das Land Argentinien im Jahr 2020 Abtreibungen legalisierte, reagierte das Repräsentantenhaus mit einer Schweigeminute “für alle Babys, die noch sterben werden”. Danach äußerte sich in etwa der Kongressabgeordnete und Arzt Basilio Núñez: “Was in Argentinien passiert ist, gleicht einer Katastrophe”. Dieses Statement sowie die Schweigeminute wurde auch Norma Camacho, Blanca Vargas und Esmérita Sánchez, den führenden Frauen des Parlaments, unterstützt.