Bella Vista: Manch einer mag sich fragen, was bitteschön Mennoniten, Querdenker und Paraguay ausgerechnet mit dem traditionellen deutschen Skatspiel zu tun haben. Die Antwort liefert ein Blick auf die faszinierende und oft kuriose Einwanderungsgeschichte des südamerikanischen Landes.
Paraguay – flächenmäßig etwas größer als Deutschland, aber mit knapp 7 Millionen Einwohnern dünn besiedelt – ist ein Land voller Kontraste. Wirtschaftlich stark von seinen gigantischen Wasserkraftwerken wie Itaipú geprägt, die das Land zu 100 % mit grünem Strom versorgen, zieht es seit Jahrhunderten deutsche Einwanderer an. Heute haben etwa 7 % der Bevölkerung deutsche Wurzeln.
Die Mennoniten: Glaubensflucht und Wirtschaftsboom
Die Geschichte der Mennoniten reicht zurück bis in die Reformationszeit um 1525. Weil sie die Kindertaufe ablehnten und strikte Gewaltfreiheit lebten, wurden sie in Europa über Jahrhunderte verfolgt. Ihre Fluchtwege führten sie über Russland und Nordamerika schließlich auch nach Paraguay. Ab 1927 gründeten sie mitten im damals unwirtlichen, heißen Buschland des Chaco landwirtschaftliche Siedlungen wie Menno, Fernheim oder Neuland. Heute sprechen viele dort noch immer das niederdeutsche “Plattdeutsch“ – und steuern mit ihren hocheffizienten Genossenschaften sage und schreibe 75 % der paraguayischen Milchproduktion bei.
Colonia Independencia: Vom Weinbau zum Querdenker-Hotspot
Ein ganz anderes Pflaster ist die Colonia Independencia im grünen Süden des Landes. Gegründet 1919 von badischen Winzern, entwickelte sich die Kolonie zu einer deutschen Enklave mit eigener deutscher Schule. Während der Weinbau heute kaum noch eine Rolle spielt, boomt ein anderer Sektor: Der Auswanderungstourismus. Seit der Corona-Pandemie hat sich der Ort zu einem echten Hotspot für europäische Impf- und Maßnahmenflüchtlinge entwickelt. Mehrere Tausend sogenannte “Querdenker“ haben sich hier dank der liberalen Einwanderungsgesetze niedergelassen.
Das große Finale am Kartentisch
Ob alteingesessener Mate-Bauer, traditioneller Mennonit oder frisch zugewanderter Querdenker – am zweiten Mai-Wochenende 2026 waren alle ideologischen Unterschiede vergessen. Der gemeinsame Nenner hieß: Skat.
In Bella Vista, der selbsternannten “Hauptstadt des Mate-Tees“, trafen sich 71 Spieler aus ganz Südamerika sowie eigens angereiste Gäste aus Deutschland zu den 26. Offenen Paraguayischen Skatmeisterschaften. Auch Dieter Gonschorowski vom deutschen Verein Forellen Forchheim mischte kräftig mit. Nach einem starken 5. Platz im Vorturnier machten ihm im Hauptturnier die Kartenglück-Götter jedoch einen Strich durch die Rechnung: Trotz einer fulminanten Aufholjagd am zweiten Turniertag reichte es am Ende mit 5.854 Punkten nur für Platz 26 – knapp vorbei an den Preisgeldrängen.
Den prestigeträchtigen Sieg und den goldenen Pokal sicherte sich Hans Sprung aus dem brasilianischen Blumenau mit 7.558 Punkten, gefolgt von Peter Klenner (Argentinien) und Robin Hermans (Brasilien). Die Trophäen, entworfen von der paraguayischen Künstlerin Juanita Paniagua, zeigten übrigens einen “Tarefero“ – einen traditionellen Mate-Teepflücker. Ein passendes Symbol für ein Turnier, das deutsche Kartenspieltradition und paraguayische Kultur perfekt miteinander verschmolz.
Wochenblatt / MarktSpiegel / Beitragsbild Archiv














