Asunción: Senioren kämpfen mit fehlender Gesundheitsversorgung, unzureichenden Renten und Schikanen bei der Justiz. Laut Claudia Sanabria, Kommissarin des Nationalen Mechanismus zur Verhinderung von Folter (MNP), macht das gesellschaftliche Umfeld ältere Menschen verletzlich, indem es sie schlichtweg ignoriert.
In einem aufschlussreichen Interview erklärte Sanabria, dass Seniorinnen und Senioren in Paraguay unter dem Mangel an Unterstützung durch Familie, Gesellschaft und Staat leiden. Zusammen mit bürokratischen Hürden in der Justiz und schleichender Isolation schädigt dies die Gesundheit und Würde der Betroffenen – und erhöht nachweislich das Sterberisiko.
Wie müssen die Rechte älterer Menschen geschützt werden?
„Als Gesamtschellschaft muss Paraguay innehalten und das Alter als eine Lebensphase neu denken, die geschätzt werden muss – indem der Beitrag älterer Menschen sichtbar gemacht wird“, betont Sanabria. Älterwerden sei kein reines Erreichen eines bestimmten Alters, sondern ein soziales, historisches und rechtliches Konstrukt. Laut Gesetz gilt man ab 60 Jahren als älterer Mensch, doch jede Person altere in ihrem eigenen Tempo.
Zudem fordert die Juristin einen Sprachwandel: Statt abwertender oder veralteter Begriffe sollte respektvoll von älteren Menschen oder Senioren gesprochen werden. „Wir müssen die Sichtweise ändern: Weg vom bloßen Empfänger von Wohlfahrtspflege hin zum gleichberechtigten Träger von Rechten in allen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Bereichen.“
Sanabria sieht die Verantwortung auf drei Ebenen verteilt:
-Die Familie: Laut Verfassung der erste Schutzraum und Hauptverantwortliche für das Wohlbefinden.
-Die Gesellschaft: Sie muss Räume schaffen, die eine würdevolle Teilhabe am Gemeinschaftsleben ermöglichen.
-Der Staat: Der direkte Garant für den umfassenden Schutz aller Grundrechte.
Soziale Absicherung und die Hürden der Justiz
Zwar existiert in Paraguay die allgemeine Seniorenrente, diese beträgt jedoch nur 25 Prozent des Mindestlohns. Zudem zeigt der Blick auf die Zahlen eine eklatante Versorgungslücke: Von den knapp 773.000 Senioren im Land (INE, 2024) beziehen laut Entwicklungsministerium derzeit nur rund 375.000 Personen diese Hilfe – fast die Hälfte der Betroffenen geht leer aus.
Auch der Zugang zum Rechtssystem ist von Barrieren geprägt. Wenn ältere Menschen in Pflegeheimen Schikanen oder Misshandlungen ausgesetzt sind, fehlen oft zugängliche Beschwerdekanäle. „Bürokratie und Untätigkeit von Behörden sind eine Form von institutioneller Gewalt“, stellt Sanabria klar. Dies führe zu einer doppelten Verletzung der Würde von Menschen, die ohnehin in einer geschwächten Lage sind.
Unsichtbarkeit tötet: Die Gefahren der “sozialen Isolation“
Die gesellschaftliche Unsichtbarkeit beschleunigt den körperlichen und geistigen Verfall. Sanabria verweist auf internationale Studien (u. a. der PAHO/OPS):
-Soziale Isolation erhöht das allgemeine Sterberisiko um 29 Prozent.
-Das Risiko, an Krebserkrankungen zu sterben, steigt bei Einsamkeit um 25 Prozent.
Die Behörde MNP führt regelmäßig Kontrollen in öffentlichen und privaten Seniorenheimen durch. Zu den Hauptproblemen gehören das Fehlen staatlicher Schutzkonzepte sowie die personelle und strukturelle Schwäche der zuständigen Senioren-Direktion. Die Behörde MNP fordert daher eine dringende Stärkung der Aufsichtsbehörden und regelmäßige Schulungen für Heimleitungen.
Zur Person:
Dr. Claudia Sanabria ist Doktorin der Rechtswissenschaften, Inhaberin von Mastertiteln im Familienrecht sowie in Globalisierung und Entwicklung (Universität Barcelona) und nationale Kommissarin beim MNP.
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