Spurensuche am Cerro Cristo Rey: Die vergessene Christus-Skulptur aus der Schaerer-Ära

Paraguari: Eine der am wenigsten erforschten Phasen der paraguayischen Geschichte sind die Feierlichkeiten und Maßnahmen im Rahmen des 100-jährigen Jubiläums der nationalen Unabhängigkeit. Eine Nachforschung zu oralen Überlieferungen lokaler Anwohner führte den Historiker und Archäologen Néstor Gamarra zu einem bemerkenswerten Fund: Den Überresten einer monumental angedachten Christus-Skulptur (Cristo Redentor) auf einem Hügel in der Nähe von Paraguari.

Wie Gamarra im Gespräch mit Journalisten ausführt, prägten politische Wirren die Zeit um das Jubiläumsjahr 1911. Nach dem Staatsstreich von Albino Jara im Januar 1911 und dem anschließenden Bürgerkrieg verzögerten sich die offiziellen staatlichen Feierlichkeiten bis 1914 unter der Präsidentschaft von Eduardo Schaerer. Dokumente und Zeitzeugnisse deuten darauf hin, dass Schaerer die Errichtung einer großen Erlöser-Statue auf der Spitze eines der Hügel von Paraguarí zu Ehren des Unabhängigkeits-Zentenares in Auftrag gab.

Mühsame Spurensuche in unwegsamem Gelände

Aufmerksam gemacht durch Geschichten seines Großvaters – eines ehemaligen Artillerie-Soldaten – sowie Erinnerungen seines Vaters Ramón Gamarra, der in den 1960er-Jahren als Kind eine im Stein gehauene Skulptur gesehen hatte, machte sich der Forscher auf die Suche. Als Orientierung diente der von Anwohnern als Cristo Rey oder Cristo Redentor bezeichnete Berg, der an das Artilleriekommando und die Route Piribebuy–Paraguarí grenzt.

Der Aufstieg erwies sich als extrem beschwerlich. Durch dichtes Gestrüpp, Dornenbüsche und steiles Gelände drang das Suchteam vor. Bei einem Sturz aus drei Metern Höhe zog sich Gamarra sogar Verletzungen zu, ehe die Gruppe kurz vor dem Gipfel fündig wurde: Ein massiver Block aus bearbeitetem Sandstein stand aufrecht im Dickicht.

Bei dem Fundstück handelt es sich um den Rumpf einer großen Christusfigur, bei dem der obere Teil fehlt. Um den Hauptblock herum lagen weitere bearbeitete Sandsteine mit lateinischen Inschriften. Etwa 30 Meter höher stieß das Team auf ein altes Steinfundament mit Mauerwerksresten – vermutlich der frühere Standort des Armeewappens. Den Berichten ehemaliger Artillerieangehöriger zufolge wurde in den 1940er- oder 1950er-Jahren versucht, Teile der Statue den Berg hinabzutransportieren, was jedoch aufgrund des enormen Gewichts auf halbem Weg abgebrochen werden musste.

Historischer Kontext und Parallelen in Südamerika

Ausschlaggebend für die wissenschaftliche Einordnung waren Funde von Pfarrer Hugo Fernández im Archiv des Diözesanmuseums Juan Sinforiano Bogarín. In einer Ausgabe der Revista Diocesana vom Januar 1913 wird die Grundsteinlegung detailliert beschrieben: Der damalige Bischof Juan Sinforiano Bogarín zelebrierte die Messfeier, während Präsident Eduardo Schaerer als Taufpate der Initiative auftrat.

Das Vorhaben reiht sich in eine südamerikanische Epoche monumentaler Sakralbauten ein: In denselben Jahren wurde der Cristo Redentor de los Andes im Grenzgebiet zwischen Argentinien und Chile errichtet. Die weltbekannte Christusstatue in Rio de Janeiro hingegen wurde 1922 anlässlich des brasilianischen Unabhängigkeits-Zentenares begonnen und 1931 eingeweiht.

Forderung nach Denkmalpflege und Schutz

Gamarra unterstreicht die Dringlichkeit archäologischer Schutzmaßnahmen und einer wissenschaftlichen Inwertsetzung des Geländes. Der Berg ist von historischer Bedeutung erfüllt: Neben der jesuitischen Vergangenheit und der Kolonialzeit war der Ort Schauplatz der Schlacht am Cerro Porteño während der Unabhängigkeitskriege, diente im Tripel-Allianz-Krieg als strategischer Punkt und nahm im Chaco-Krieg bolivianische Kriegsgefangene auf.

Wochenblatt / La Nación

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