Bericht zeichnet ein düsteres Bild der aktuellen Sicherheitslage in der Region

Asunción: In einer Bäckerei im Zentrum von Asunción erzählt ein hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter, der seit zwanzig Jahren in ständigem Kontakt mit der US-Drogenbehörde DEA steht, diese unglaubliche Geschichte, an der er selbst beteiligt war.

„Wir hatten den Fall eines pensionierten bolivianischen Obersten, der mit einer paraguayischen Maschine aufflog. Ein Pilot war mit einem legalen Flugplan von einem Hangar in Asunción gestartet. Nach zwanzig Minuten landete er in einem Park in Ybicuí und übergab das Flugzeug einem Bolivianer, der mit dem Bus angereist war. Das Flugzeug flog nach Bolivien, nahm die Ladung auf und kehrte zurück. Doch es war Sonntag, und auf der Piste, auf der es landen sollte, fand gerade ein Pferderennen statt. Er konnte also nicht landen. Was tat er? Er flog zum Übergabepunkt zurück. Dort befindet sich eine Landwirtschaftsschule. Die Leute sahen das Flugzeug landen, ein Polizist vor Ort bemerkte die abgeklebte Kennung und rief die Wache“, berichtet der Mann.

Dort schnappten sie den Narco-Piloten, einen bolivianischen Militär namens Ismael Menacho. Er hatte eine Cessna mit 420 Kilo Kokain gesteuert. Drahtzieher der Operation war Washington Añazco, ein pensionierter Major der paraguayischen Luftwaffe, verheiratet mit der Landwirtschaftssekretärin von Paraguarí. Unter den Festgenommenen war auch ein hoher Beamter der paraguayischen Zivilluftfahrtbehörde (Dinac).

Logistik-Drehscheibe für das „Weiße Gold“

Was 2016 geschah, ist ein Phänomen, das bis heute anhält. Es basiert auf einer dauerhaften Allianz zwischen organisiertem Verbrechen, Politik und Sicherheitskräften. Während Paraguay historisch für den Anbau von Marihuana bekannt war, liegt das Hauptgeschäft heute in der Logistik: der Empfang von Kokain aus den Andenländern im paraguayischen Chaco. Allein für den Flug einer Ladung vom bolivianischen Chapare in den Chaco werden 45.000 Dollar fällig.

Der Soziologe Juan Martens Molas offenbart, dass in Paraguay zwischen 2013 und 2022 insgesamt 39 Politiker wegen Verbindungen zum Drogenhandel und Geldwäsche angeklagt wurden. Die Netzwerke ziehen sich durch alle Regionen und Ämter – vom Ex-Präsidenten über Senatoren bis hin zu Bürgermeistern und Gefängnisdirektoren.

„Cabritos“ und illegale Pisten

Politische Funktionäre stützen die Drahtzieher, oft paraguayische oder brasilianische Großgrundbesitzer. Die Flugzeuge sind meist gestohlen und werden „Cabritos“ genannt. Manchmal werden die Pakete aus der Luft abgeworfen, manchmal landen die Maschinen auf abgelegenen Landwegen oder auf Privatpisten in riesigen Haciendas, die offiziell für den Viehbetrieb deklariert sind.

Der Geheimdienstler verbrachte Jahre damit, die unendlichen Weiten des Chaco an der Grenze zu Bolivien zu durchkämmen – eine Wildnis ohne Tankstellen oder Menschenseele, ein Paradies für Schmuggler. Viele Landbesitzer dort nutzen ihre legale Viehzucht nur als Tarnung für ihre Rolle als Logistiker des Drogenhandels.

Der Weg nach Brasilien und Argentinien

Die Ware wird meist nach Pedro Juan Caballero (Amambay) gebracht und gelangt über die „trockene Grenze“ nach Ponta Porá in Brasilien. Es ist eine der gewalttätigsten Zonen Südamerikas, in der legale Wirtschaft, Politik und Mafia verschmelzen.

Laut Jalil Rachid, dem Chef der Antidrogenbehörde SENAD, sind die Beschlagnahmungen von paraguayischem Kokain in europäischen Häfen seit 2023 drastisch gesunken. Doch der Strom Richtung Brasilien und Argentinien reißt nicht ab. Allein 2025 wurden in Argentinien sieben Kleinflugzeuge aus Paraguay mit Drogenladungen sichergestellt.

„A Ultranza PY“ und die Narcopolitik

Die Verflechtung von Politik und Drogenhandel ist hochaktuell. Am 13. Februar forderte die Staatsanwaltschaft 17 Jahre Haft für den Senator Erico Galeano wegen Geldwäsche und krimineller Vereinigung. Galeano soll eine Million Dollar in bar von der Struktur um den flüchtigen Uruguayer Sebastián Marset erhalten haben. Marset wird auch der spektakuläre Mord an dem Staatsanwalt Marcelo Pecci zugeschrieben, der während seiner Flitterwochen in Kolumbien erschossen wurde.

Die Ermittlungen im Fall „A Ultranza PY“ – der größten Operation gegen Drogenhandel und Geldwäsche in der Geschichte Paraguays – führten zur Beschlagnahmung von über 250 Millionen Dollar. Erst am vergangenen Samstag wurde Félix Kanazawa, der ehemalige Chef der Zivilluftfahrtbehörde Dinac, ermordet in seinem Wagen aufgefunden. Ihm wurde die Kehle durchgeschnitten. Er soll Drohungen erhalten haben, nachdem er im Fall „A Ultranza“ mit der Staatsanwaltschaft kooperiert hatte.

Unaufhaltsamer Fluss

Das Kokain, das nach Argentinien (Provinzen Santa Fe oder Córdoba) gelangt, startet oft in der Zone des Rio Pilcomayo gegenüber von Formosa. Das brasilianische Verbrechersyndikat PCC (Primer Comando de la Capital) investiert massiv in Paraguay: Sie kaufen Häuser, Tankstellen und Hotels, um Geld zu waschen.

„In Bolivien kostet ein Kilo Kokain 1.000 Dollar. In Asunción sind es wegen der Frachtkosten schon 2.300 Dollar. In Brasilien steigt der Preis weiter an“, erklärt der Beamte. Die Grenzkontrollen seien oft gekauft. In der Nähe von Filadelfia im Chaco wurden unterirdische Lagerstätten gefunden, ähnlich wie man sie aus Kolumbien kennt – mit Aluminiumschleusen gegen die Feuchtigkeit.

Paraguay bleibt ein Land der Kontraste: Es bietet moderne Autobahnen, Agrarindustrie und makroökonomische Stabilität, steht aber gleichzeitig vor der gewaltigen Herausforderung einer kriminellen Ökonomie, die tief in den Staatsapparat eingedrungen ist.

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