Zwischen Plattdeutsch und Internet: Die schrittweise Modernisierung der Chaco-Kolonien

Filadelfia: Für viele Außenstehende wirkt das Leben der Mennoniten im paraguayischen Chaco unverändert: Religiös, traditionell und gemeinschaftsorientiert. Doch fast ein Jahrhundert nach ihrer Ankunft entwickeln sich diese Gemeinschaften im Stillen weiter.

Glaube, Sprache und Familienleben bilden nach wie vor den Kern – doch die Art und Weise, wie sie gelebt werden, verschiebt sich mit der zunehmenden Vernetzung der Region. Im Vergleich zu konservativeren Kolonien in anderen Teilen Südamerikas sind die Mennoniten im Chaco stärker in der Außenwelt engagiert, insbesondere durch Landwirtschaft, Industrie und regionalen Handel.

Was ist gleich geblieben – und was beginnt sich zu verändern?

-Glaube und Gemeindeleben

Der Glaube hat das Leben im Chaco seit jeher geprägt. Das Tischgebet, Gottbezüge im Alltag und starke biblische Werte gehören dazu. Diese zentrale Rolle reicht bis in die 1920er und 1930er Jahre zurück, als die Siedler Kirchen neben Schulen und Kliniken als erste Institutionen errichteten. Heute werden Gottesdienste auf Deutsch und Spanisch gehalten, und auch indigene Nachbarn nehmen zunehmend teil.

-Anpassung an das moderne Leben

Pastor Manfred Grünewald betont die Bedeutung der Jugend: „Eine Kirche wächst nur, wenn Kinder Teil davon sind.“ Während die Erwachsenen am Gottesdienst teilnehmen, besuchen Kinder Programme wie die Royal Rangers, eine christliche Pfadfinderorganisation. Auch die Technik hat Einzug gehalten: Predigten werden online gestreamt, um für Neulinge offen zu sein. Während viele Kirchen weltweit mit Mitgliederschwund kämpfen, bleibt die Beteiligung im Chaco stabil.

-Bildungswesen

Früher war der Erhalt der deutschsprachigen Bildung ein Hauptgrund für die Migration. Die ersten Siedler bauten einfache Schulen aus Lehm mit Strohdächern. Heute ist Deutsch zwar weiterhin die Hauptunterrichtssprache, doch Spanisch, Englisch und Guaraní sind fester Bestandteil des Lehrplans. Spanisch gewinnt mit jedem Schuljahr an Bedeutung, und von den Absolventen wird fließende Beherrschung erwartet.

Die Schulen werden meist über Kooperativen organisiert und erhalten kaum staatliche Unterstützung, folgen aber dem nationalen paraguayischen Lehrplan. Kolonien wie Fernheim, Menno und Neuland koordinieren ihre Lehrpläne gemeinsam. Das hohe Bildungsniveau ermöglicht es Absolventen, Karrieren innerhalb und außerhalb der Kolonien zu verfolgen oder sogar im Ausland, insbesondere in Deutschland, zu studieren.

-Sprachgebrauch

Historisch gesehen war Plautdietsch (Mennonitisches Plattdeutsch) die Alltagssprache. Während es in konservativen Kolonien (z. B. in Bolivien) essenziell bleibt, wandelt sich dies im paraguayischen Chaco. Die ältere Generation spricht es noch fließend, doch jüngere Mennoniten wachsen verstärkt mit Hochdeutsch und Spanisch auf. Viele verstehen Plattdeutsch zwar noch, sprechen es aber nicht mehr aktiv.

Dieser Wandel ist eng mit der Öffnung der Region verknüpft. Der Bau der Ruta Transchaco war ein Wendepunkt, der die Isolation beendete. Bei Eheschließungen zwischen verschiedenen Kolonien oder mit nicht-mennonitischen Paraguayern wird Spanisch oft zur Hauptsprache der nächsten Generation.

-Geschlechterrollen

Die Rollenverteilung ist nach wie vor von traditionellen Werten geprägt, wobei die Erziehung der Kinder zentral bleibt. Dennoch ist es heute üblich, dass Frauen eine Ausbildung absolvieren und in Bereichen wie Bildung, Gesundheitswesen oder Verwaltung arbeiten. Die Führung in der Wirtschaft und in großen Kooperativen liegt jedoch weiterhin überwiegend in männlicher Hand. Bei Gemeinschaftsveranstaltungen übernehmen Frauen oft die Organisation der Verpflegung, während Männer die körperlich anstrengenden Aufgaben übernehmen. Es ist eine Gemeinschaft, die sich vorsichtig weiterentwickelt, ohne ihre Wurzeln zu verlieren.

-Zwischen Tradition und Transformation

Mit neuen Verkehrswegen beschleunigt sich der Wandel im Chaco. Die Herausforderung für die mennonitischen Gemeinschaften besteht nicht darin, ob der Wandel kommt, sondern wie sie darauf reagieren und dabei ihre Kernwerte bewahren.

Wochenblatt / Asunción Times

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