Asunción: Paraguay steht still. Am Karfreitag schweigen die Radios, die Busse bleiben im Depot, und über dem Land liegt höchstens noch der schwere Duft von gebackener Chipa. Es ist der Tag, an dem das Feuerverbot fast schon mystisch befolgt wird und Fleisch als Sakrileg gilt.
Doch während das Land im Schoße der Familie kollektiv “fastet“, stellt sich eine unbequeme Frage: Wie passt diese tiefe, katholische Demut zu einem Alltag, der von Korruption, Vetternwirtschaft und sozialer Ungerechtigkeit zerfressen wird?
Der Widerspruch der Statistik
Paraguay rühmt sich einer der höchsten Quoten an Katholiken weltweit. Sogar die Kirche selbst mahnte in der Vergangenheit kritisch an: Wenn der Glaube der Paraguayer so tiefgreifend wäre, wie es die Prozessionen am Palmsonntag (Beitragsbild) vermuten lassen, müsste dieses Land eigentlich ein Musterbeispiel für Ethik und Nächstenliebe sein. Doch die Realität spricht eine andere Sprache. Die Frömmigkeit scheint oft an der Kirchentür zu enden – oder spätestens dort, wo der eigene Vorteil beginnt.
Tradition als Bremse für den Horizont?
Das rituelle Rumsitzen im Familienkreis, das gemeinsame Chipa-Essen und das strikte Befolgen von Verboten wirken an diesem Tag wie eine moralische Reinwaschung. Doch dieses Verharren im ewig Gleichen birgt eine Gefahr: Es erweitert nicht den geistigen Horizont. Wer nur im eigenen Saft schmort und Tradition über Reflexion stellt, verpasst den Anschluss an eine Welt, die kritisches Denken und Veränderung fordert.
Während kein Rad sich dreht und kein Bus fährt, scheint auch der gesellschaftliche Fortschritt pausiert zu sein. Man pflegt das Brauchtum, um das Gewissen zu beruhigen, während draußen die Strukturen dieselben bleiben: Die Kleinen zahlen, die Großen kassieren – und am Ostersonntag ist die Welt (und die Korruption) wieder so, als wäre nichts gewesen.
Fazit
Ein Tag der Stille ist wertvoll, wenn er zur Einkehr genutzt wird. Doch wenn die Stille nur dazu dient, die Augen vor der eigenen Verantwortung für den Zustand des Landes zu verschließen, bleibt der Karfreitag in Paraguay das, was er für viele Kritiker bereits ist: Eine prachtvolle Inszenierung der Scheinheiligkeit.
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