Im Gefängnis aus Liebe? Staatsanwaltschaft erhebt Anklage im mennonitischen „Romeo und Julia“-Fall

Asunción: Die Staatsanwaltschaft von Paraguay hat Anklage gegen zwei mennonitische Ehepaare aus dem Département San Pedro erhoben, weil diese versucht haben sollen, ein anderes junges Ehepaar derselben Gemeinschaft zu trennen. Die Opfer waren aus Bolivien geflohen, weil die Eltern der Frau sie angeblich dazu zwingen wollten, einen anderen Mann zu heiraten. Zudem zeigte die Familie der Frau ihren Schwiegersohn wegen Menschenhandels an, weshalb dieser derzeit im Gefängnis auf seine Auslieferung wartet.

Die turbulente Liebesgeschichte dreht sich um den 20-jährigen David Wiebe Martens und die 19-jährige Sara Loewen Fehr, beide Paraguayer und Mitglieder der mennonitischen Gemeinschaft.

David und Sara wuchsen in der mennonitischen Gemeinschaft der Kolonie Río Verde im Bezirk Santa Rosa del Aguaray (Département San Pedro, Paraguay) auf. Seit einigen Jahren lebten sie jedoch mit ihren jeweiligen Familien in der mennonitischen Kolonie Neuland Tunas in der Gemeinde Pailón (Département Santa Cruz, Bolivien).

Genau dort in Bolivien verliebten sie sich und wurden ein Paar. Die Eltern der Frau akzeptierten die Beziehung jedoch nicht – angeblich aus religiösen Gründen und weil sie bereits beschlossen hatten, dass sie einen anderen jungen Mann heiraten sollte. Daher entschied sich das Paar zur Flucht nach Paraguay.

Die jungen Mennoniten kamen am 18. Januar 2026 in Paraguay an und ließen sich erneut in der Kolonie Río Verde nieder, wo sie von Davids Verwandten aufgenommen wurden. Einige Tage später reisten auch Saras Eltern nach Paraguay und versuchten sie zu überzeugen, nach Bolivien zurückzukehren.

Das Mädchen lehnte ab und teilte ihren Eltern mit, dass sie mit David in Paraguay bleiben und mit ihm eine Familie gründen wolle. Daraufhin kehrten Saras Eltern nach Bolivien zurück.

Etwa 10 Tage später soll Sara unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und praktisch mit Gewalt an die Grenze zwischen Paraguay und Bolivien gebracht worden sein, wo sie wieder ihren Eltern übergeben wurde.

Die Personen, die für den Transport der Frau verantwortlich gewesen sein sollen, waren ihre Onkel väterlicherseits: Johann Loewen Reimer (39) und dessen Ehefrau María Friesen Dyck (38) sowie Isak Loewen Reimer (36) und dessen Ehefrau Aganetha Klassen de Loewen (30).

Sobald sich Sara wieder in der Gewalt ihrer Eltern in Bolivien befand, wurde sie am 31. Januar 2026 in das Centro Médico Sinapsis in der Stadt Santa Cruz de la Sierra eingewiesen – eine Einrichtung für mentale Gesundheit, sprich eine psychiatrische Klinik.

Die Rückkehr nach Paraguay, die Hochzeit und die Auslieferung

Nach einigen Wochen verließ Sara die psychiatrische Klinik in Bolivien und kehrte mit David, der sie retten kam, nach Paraguay zurück.

Die junge Frau bekräftigte, dass ihre Eltern mit allen Mitteln versucht hätten zu verhindern, dass sie nach Paraguay zurückkehre, und ihr sogar ihre persönlichen Dokumente abgenommen hätten.

Zurück in Paraguay heirateten David und Sara schließlich am 26. April 2026 und wurden offiziell zu einer gesetzlich anerkannten Familie.

Obwohl ihre Tochter in Paraguay bereits verheiratet war, erstatteten Saras Eltern bei der Staatsanwaltschaft in Bolivien Anzeige gegen ihren Schwiegersohn David wegen mutmaßlichen Menschenhandels.

Saras Eltern erreichten, dass die bolivianische Staatsanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl zum Zwecke der Auslieferung erließ, der über ein Rechtshilfeersuchen nach Paraguay übermittelt wurde. Daraufhin musste der Richter José Agustín Delmás Aguiar die Festnahme des jungen Mennoniten auf paraguayischem Territorium anordnen.

Laut der Sachverhaltsschilderung der bolivianischen Staatsanwaltschaft sollen David und ein mennonitischer Freund „die junge Sara Loewen Fehr unter Täuschung aus ihrem Elternhaus entwendet haben, indem sie die kurze Abwesenheit ihrer Eltern ausnutzten und sie illegal und ohne jegliche Dokumente nach Paraguay brachten, wo sie festgehalten und arbeitsmäßig ausgebeutet wurde“.

Psychiatrieaufenthalt und Anzeigen verschärfen das Drama des jungen Paares

Nach der Version der Eltern von Sara „erlitt das Opfer nach ihrer Rückführung nach Bolivien eine emotionale Krise, die ihre freiwillige Einweisung in das Centro Médico Sinapsis veranlasste“. Zudem zeigten sie „das Bestehen einer mutmaßlichen kriminellen Organisation an, die sich der Anwerbung und grenzüberschreitenden Verschleppung schutzbedürftiger Personen widmet“.

Erstaunlicherweise gab die bolivianische Justiz dem Antrag von Saras Eltern statt und ersuchte die paraguayische Justiz um Davids Festnahme.

David wurde schließlich am vergangenen Donnerstag in der Kolonie Río Verde im Rahmen eines Einsatzes der Interpol-Abteilung Asunción und der Ermittlungsabteilung San Pedro festgenommen.

Er wurde von den Polizeibeamten abgefangen, als er zusammen mit Sara unterwegs war. Sara stellte zu jedem Zeitpunkt klar, dass sie sich aus freiem Willen bei ihrem Ehemann befinde und dass ihre Eltern lügen würden.

In der Folge gab die junge Mennonitin Erklärungen gegenüber der lokalen Presse sowie der paraguayischen Staatsanwaltschaft ab und bekräftigte erneut, dass alles von ihren Eltern aus Bolivien inszeniert worden sei, um das Paar zu trennen.

David Wiebe Martens sitzt derzeit in der Gerichtsabteilung der Polizei in Asunción in Haft und wartet auf seine Überstellung in das benachbarte Gefängnis des Centro Nacional de Prevenidos (ehemaliges Tacumbú-Gefängnis), wo er wiederum auf seine Auslieferung nach Bolivien warten muss.

Die beteiligten paraguayischen Behörden wiesen darauf hin, dass David oder seine Anwälte zwingend in Bolivien prozessieren müssen, um den Konflikt mit seinen Schwiegereltern zu lösen, da das Verfahren in diesem Land geführt wird – unabhängig davon, ob die Beschuldigung wahr ist oder nicht.

Ein weiteres Verfahren gegen die Onkel, die sie ihren Eltern übergaben

Parallel zu der gesamten Problematik, die die Anzeige wegen Menschenhandels in Bolivien für das neue Ehepaar Wiebe-Loewen verursacht hat, eröffnete der Staatsanwalt von Santa Rosa del Aguaray, Juan Daniel Benítez Miranda, ein weiteres Strafverfahren in Paraguay – allerdings gegen die Onkel väterlicherseits von Sara, die sie unter Täuschung an die Grenze gebracht hatten, um sie ihren Eltern zu übergeben.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft klagte die Brüder Johann und Isak Loewen Reimer sowie deren jeweilige Ehefrauen wegen des Verdachts der Nötigung, der Freiheitsberaubung und der Verschleppung von Personen an.

So steht die Situation paradoxerweise wie folgt: David könnte aufgrund des Widerstands seiner Schwiegereltern, die mutmaßlich beabsichtigen, ihn von seiner Frau zu trennen, nach Bolivien ausgeliefert und dort inhaftiert werden; gleichzeitig könnten in Paraguay die Onkel seiner Ehefrau verurteilt werden, die gehandelt haben, um genau diese Trennung zu vollziehen.

CC
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