Aus Versehen vier Jahre hinter Gittern

Asunción: Dieser emblematische Fall zeigt erneut auf, wie schlecht Pflichtverteidiger, Richter, Polizei und Justiz zusammenarbeiten, wenn es darauf ankommt. Ein junger Mann verlor vier Jahre seines Lebens.

Wilson Alexander Orué Fleitas (26) wurde am 30. September 2013 wegen mutmaßlich schwerem Raub von der Polizei verhaftet. Sein Fall wurde an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Am 10. Oktober informiert Richter Alberto Sosa Vera aus Luque, dass Untersuchungshaft in Tacumbú umzusetzen sei. Bis dahin saß er noch im Kommissariat in Remanso.

Schon damals stand bei Mitarbeitern der Judikative fest, dass während des Prozesses eine Änderung der Anklage von schwerem Raub in Diebstahl kommen würde, da man den schweren Raub nicht beweisen könne. Nach drei Monaten Untersuchungshaft wurde Wilson Orué am 19. Dezember 2013 zu einem Jahr verurteilt jedoch mit Aussetzung der Haftstrafe, was impliziert, dass er hätte freigelassen werden müssen.

Allerdings übermittelten Mitarbeiter des Gerichts niemals dem Gefängnis diese Entscheidung. Auch der designierte Pflichtverteidiger, Juan José Oviedo Jacobson, bat nicht um Auskunft oder ähnliches. Pflichtverteidiger haben in Paraguay leicht bis zu 75 Mandanten und kennen meist kaum deren Namen, ihre Fälle nur in den allerwenigsten Fällen.

Erst am 24. Oktober 2017 informierte das Gericht in Luque die Gefängnisleitung darüber, dass Wilson Orué seine komplette Strafe verbüßt habe, zu der er am 19. Dezember 2013 verurteilt wurde. Diese Information übermittelte Richterin María Fernanda García de Zuñiga.

Für Diana Vargas, vom nationalen Mechanismus für Vorbeugung von Folter (MNP), ist der Fall Orué mehr als beispielhaft für die Probleme die im juristischen Bereich tagtäglich auftreten. In diesem Fall gibt es persönliche Verantwortlichkeiten von staatlich Angestellten, die Wilson Orué vier Jahre seines Lebens geraubt haben.

Wochenblatt / Última Hora

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10 Kommentare zu “Aus Versehen vier Jahre hinter Gittern

  1. Dies ist doch nur ein exemplarischer Fall von in Paraguay grassierender Verantwortungslosigkeit. Überall stößt man auf diese Verantwortungslosigkeit, in der Justiz, im Krankenhauswesen, bei den Ärzten, in den Werkstätten, im täglich Umgang mit seinen Mitmenschen. Man kann sich so gut wie auf keine Aussagen verlassen und schon gar nicht darauf vertrauen, daß irgend etwas komplett richtig gemacht wird. Selbst Vereinbarungen mit Handschlag oder schriftliche Verträge können schon am nächsten Tag wieder infrage gestellt werden. Tragisch nur, wenn es um die Gesundheit oder um die persönliche Freiheit geht. Ich könnte in nunmehr 15 Jahren Paraguay dicke Bücher darüber schreiben. Jedenfalls habe ich mir hier angewöhnt, keiner Aussage mehr zu trauen, egal mit welcher Selbstsicherheit diese vorgetragen wird. (Und die Paraguayer treten meist sehr selbstsicher auf) Grundsätzlich überprüfe ich alles, was man mir erzählt, ob vom Handwerker oder vom Arzt. Und damit bin ich bisher sehr gut gefahren, auch wenn sich meine Gegenüber meistens auf den Schlips getreten fühlen oder gar in ihrer verdammten Ehre gekränkt fühlen. Und genau das, möchte ich jedem hier dringend an´s Herz legen. Legt alle Gutgläubigkeit und jeglichen Vertrauensvorschuß ab – auch gegenüber den hier lebenden Landsleuten. Nur das bewahrt vor Schaden und vielleicht sogar vor Leid und Not.

    1. Vor allem wenn es sich um gut bezahlte, angesehene und mit viel Verantwortung handelnde Berufe handelt, wie Arzt, Notar, Anwalt/Richter oder Bankangestellte. Besondiers hier MUESSEN die Leute einfach seriös und vertraulich arbeiten, aber wenn solche Werte nicht bei der Erziehung vermittelt werden, dann ist Hopfen und Malz verloren.

      Fast moechte man meinen, dass in Paraguays Gesellschaft Leute, die nichts koennen oder keine nennenswerte Bildung besitzen, ABER ehrlich sind und vielleicht sogar fleissig, mehr Wert sind, als luegende Anwaelte mit akademischen Titel und dickem Salaer.

  2. Justizirrtum kommt auch in den besten Ländern vor.
    In D.Ö.CH und US+A bezahlt der Steuerzähler mehr weniger als mehr freiwillig eine hohe Entschädigung für gute Arbeit von Beatmeten aus dem Beatmetenhäuschen, die dann eine Beatmetenlohnklasse aufsteigen. Im schlimmsten Fall müssen sie eine Beatmetenlohnklasse absteigen.
    In Paraguay bekommt das Opfer bestimmt auch ein wenig warme Luft für vier verlorene Jahre: „Sorry, tut uns ja echt Leid, but no plata mas“.

  3. Ich frage mich, wieviel Entschaedigung er nun dafuer bekommt. Wahrscheinlich muss er nun zig Formulare ausfuellen, wo im Prinzip immer nur das Gleiche abgefragt wird (Adresse, Tel-Nr, Name der Eltern usw.), und muss 23 Kopien seiner Cedula, natuerlich beglaubigt, abgeben und mehrere Monate warten, bis man errechnet hat, wieviel ihm zusteht. Letzter Schritt ist keinesfalls garantiert, da waehrend der Gestion seine Formulare irgendwo in einem Archiv verschwinden koennten und das Personal ausgetauscht wird und keiner weiss, was man machen soll.

  4. Im Prinzip ist es so:

    Arbeit erledigt man, weil man von der Sinnhaftigkeit ueberzeugt ist, deshalb nimmt man sie auch Ernst, denkt mit weil man es ja gut machen will UND weil man Geld verdienen muss. Zweiteres also die Lohnabhaengigkeit ist schon schlimm genug und das eigentliche Hauptproblem. Wenn aber so wie In Paraguay nur zweiteres der Fall und da glaube ich, gibt es kein Land in dem es schlimmer ist als hier, lediglich einige, in denen es aehnlich ist,
    Buenas Noches bzw. stehe gar nicht erst auf den es lohnt sich nicht.

  5. Die Masse der Leute ist fuer Arbeit schlicht nicht geeignet. Sie sitzen an irgendwelchen Stellen (oft sogar noch kuenstlich erschaffenen) und warten auf den Lohn. Arbeit setzt Denken, Selbststaendigkeit, Willen und damit auch Initiaitve voraus. Wieviele Menschen findet man, die das alles haben?

    1. In Paraguay sicherlich sehr wenige. Aber es ist auch so, dass in oeffentlichen Stellen (im privaten Sektor ist es sicher von Fall zu Fall verschieden) Eigenititiative teilweise ueberhaupt nicht gern gesehen wird.
      Ich und eine Kollegin haben auch schon Schelte bekommen, weil wir vorher nicht bei der Direktorin konsultiert haben, ganz gleich ob sie tausend andere Sachen zu tun hat.
      Bei meiner Kollegin, die es dann auch gewagt hat der Direktorin Vebesserungsvorschlaege zu geben, ging es so weit, dass sie dann gar keine Anweisungen mehr bekommen hat und der Vertrag nicht verlaengert wurde.

      Aufgrund dessen sitzen Leute einfach rum und warten auf Anweisungen. Selbst Fragen, ob man irgendwo helfen koennte, sind in Paraguay aeusserst selten.
      Die Hierarchien sind schon sehr sehr stark ausgepraegt.

      1. Die Masse ist auch nicht geeignet Chef zu sein. Die Dinge, die Sie hier beschreiben, habe ich in Europa auch in Privatfirmen erlebt.
        Das Fussvolk ist unten fuer die Drecksarbeit zustaendig und von denen gibt es genug, die Verbesserungsvorschlaege haetten, weil sie ja vor Ort sind. Sie gehen dann zu ihrem Vorgesetzten, der aber nur Sandwich Chef ist, also gerade die Befugnis hat die Leute einzuteilen. Diejenigen, die die Befugnis haetten etwas zu aendern, sitzen wo anders und interessieren sich in der Regel nicht dafuer was von unten kommt. Der Sandwich Chef sagt auch nichts, weil er sich nicht anpatzen will.
        Solange jeder sein Geld bekommt bewegt sich also wenig und je mehr Geld die Leute kassieren, also je weiter sie oben sind umso weniger bewegen sie sich oder im Gegenteil umso mehr Widerstand, dass ueberhaupt irgendetwas passiert und dabei ist es egal ob privat oder Staat.

        Ich sehe es so, dass es Nationen gibt, die akzeptieren, dass man auch mal was tun muss. Deutschland waere natuerlich so eine. Meiner Meinung nach ist das aber weniger Wille, Selbststaendigkeit und Denken sondern eher „Ich tue meine Pflicht“. Ganz krass ist das in Japan, wo dann ein Mitarbeiter vor dem Computer verdurstet, weil er auf das Trinken vergisst. Nicht gerade ein Zeichen von Selbststaendigkeit oder Denken.

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