Asunción: Die Sonntagsmesse ist in Paraguay für viele Familien ein fester Pflichttermin. Doch der Gang in die Kirche ist weit mehr als nur gelebte Tradition oder spirituelle Pflicht: Eine aktuelle internationale Studie zeigt, dass religiöse Rituale messbare biochemische Veränderungen im Körper auslösen, die uns glücklicher machen und sogar Schmerzen lindern.
Ob in der prachtvollen Basilika von Caacupé, der lokalen Pfarrgemeinde in Asunción oder den Kirchen im tiefen Chaco: Wenn Menschen zusammenkommen, um gemeinsam zu beten und zu singen, passiert etwas Erstaunliches in ihrem Gehirn. Laut einer neuen Untersuchung von Forschern aus Großbritannien und Brasilien werden durch die Ausübung religiöser Rituale im großen Stil chemische Substanzen im Körper freigesetzt – allen voran das “Glückshormon“ Beta-Endorphin.
Das Geheimnis der synchronen Bewegung
Wie die Psychologieforscherin Valerie van Mulukom (Oxford Brookes Universität) erklärt, reichen in großen modernen Gesellschaften rein persönliche Begegnungen oft nicht mehr aus, um den sozialen Zusammenhalt zu sichern. Hier kommen wöchentliche Rituale ins Spiel.
„Wenn man die Messe besucht, stehen alle gleichzeitig auf, beten gemeinsam, wünschen sich gegenseitig den Frieden und singen zusammen“, so die Forscherin. Diese synchronen Bewegungen und das Wissen um geteilte Überzeugungen wirken wie ein biologischer Klebstoff. Das Gehirn schüttet körpereigene Opioide aus, die evolutionär eigentlich bei der gegenseitigen Fellpflege von Primaten entstanden, um Gruppen vor dem Zerfall zu schützen.
Höhere Schmerzgrenze nach dem Gottesdienst
Um diesen Effekt zu messen, untersuchten die Wissenschaftler Gläubige in Europa und Südamerika (darunter auch Anhänger des brasilianischen Umbanda-Kults, der afrikanische Rhythmen mit katholischen Gebeten verbindet). Da man Glückshormone im Gehirn nicht ohne Weiteres direkt messen kann, nutzten die Forscher einen Trick: Die Schmerzschwelle, die durch Endorphine nach oben gesetzt wird.
Vor und nach dem Gottesdienst wurde den Teilnehmern eine Druckmanschette am Arm angelegt. Das verblüffende Ergebnis: Nach der Messe ertrugen die Gläubigen deutlich mehr Druck und Schmerz als vorher. Gleichzeitig stieg das Gefühl der sozialen Verbundenheit rapide an, während negative Gefühle wie Angst oder Stress messbar abnahmen.
Die paraguayische Realität: Verbindung zu Gott stärkt die Gemeinschaft
„Wir haben beobachtet, dass je stärker sich die Menschen während des Rituals mit Gott verbunden fühlten, desto mehr half es ihnen, Bindungen zu anderen Menschen aufzubauen“, betont Van Mulukom.
Für Paraguay ist diese Erkenntnis ein wissenschaftlicher Beleg für das, was Millionen von Bürgern jeden Sonntag intuitiv spüren. In einem Land, in dem die Großfamilie und die Gemeinschaft das Fundament der Gesellschaft bilden, fungiert der Gottesdienst als kollektive Krafttankstelle. Wer gemeinsam singt, betet und den Friedensgruß austauscht, senkt nicht nur sein persönliches Stresslevel, sondern stärkt ganz real das soziale Netz, das Paraguay auch in wirtschaftlich oder klimatisch schwierigen Zeiten zusammenhält.
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