Sudetendeutsche in Paraguay

Die Kolonie Sudetia liegt in Ostparaguay, Department Guairá, etwa 200 km von Asuncion entfernt. Sie ist in die Gemeinde Paso Yobai eingegliedert, landschaftlich eingebettet von den Ybytyruzu Bergen.

Auswanderung und Gründung der Kolonie

Die sogenannten „Böhmischen Länder“, also Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien, waren bis 1918 Bestandteil der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Zu Spannungen kam es erstmals im 19. Jahrhundert durch das Aufkommen des Nationalismus auf beiden Seiten. Es kam zu einer ersten Auswanderungswelle in den Jahren 1875-1884. Eine zweite Welle erfolgte nach 1918. Dabei verließen von 1922-1938 über 40.000 Sudeten-und Karpatendeutsche ihre Heimat.

Als Einwanderungsland kam unter anderem Paraguay in Frage. Es wurde der „Wardenbund“ gegründet um Auswanderungswillige besser beraten zu können. Franz B. Peter aus Saaz wurde nach Paraguay geschickt, um vor Ort und Stelle die Ansiedlungsmöglichkeiten zu prüfen.

Jorge Naville, ein Großgrundbesitzer in Ostparaguay, bot Land für Siedlungszwecke an. Man wurde sich einig, hier eine Kolonie zu gründen. Zurückgekehrt wurden Vorbereitungen für die Reise getroffen. Die ersten Siedler kamen im Mai 1933 an, die nächsten, weitaus mehr Auswanderungswillige, kamen am 01.10.1933 in Paraguay an, welches auch der offizielle Gründungstag der Kolonie ist.

Die meisten Siedler kauften Land und begannen zu roden um Ackerland zu schaffen. Gleichzeitig wurden Häuser gebaut, Brunnen geschlagen und Wege angelegt. Diese schweren Arbeiten waren viele nicht gewöhnt, sie waren keine Landwirte. Dadurch kehrten einige wieder zurück oder gingen nach Argentinien. Im Jahre 1935 gab es 47 Farmen, 1948 nur noch 24.

Als Haupterwerbsquelle erwies sich damals die Yerba, der Weinanbau und die Schweinezucht.
Mit den Familien der Einwanderer kamen auch einige Kinder im schulpflichtigen Alter. Schon 1934 wurde in einem Privathaus Unterricht durchgeführt. 1935 wurde dann ein eigenes Schulgebäude gebaut. 1945 wurde die Schule durch die Regierung einteignet, aber im darauf folgenden Jahr wieder Unterricht erteilt. Ab 1958 wurde der Deutschunterricht durch die Botschaft in Asuncion gefördert.

Schon mit der ersten Einwanderungsgruppe kam ein katholischer Priester mit. Er war von seiner Diözese mit finanziellen Mitteln ausgestattet worden um eine kleine Kirche zu bauen. Ende der 50 Jahre wurde auf Initiative von Oblatenpater Martin Clar beschlossen eine Kirche zu bauen. 1960 wurde sie fertig gestellt und ein Friedhof eingerichtet, 1980 wurde die Kirche nochmals vergrößert.

1966 wurde der Sportverein Sudetia gegründet, damit verbunden war die Einrichtung eines Fußballplatzes. Im Laufe der Zeit wurden Häuser errichtet, mit Küche und Gasträumen ausgestattet. Eine Bühne für Theateraufführungen kam einige Zeit später dazu. 1993 wurde zur 60 Jahrfeier eine Kegelbahn eingeweiht.

Der Wandel der Zeit

Eine spannende Vergangenheit der Kolonie mit sicherlich erstaunlichen Leistungen. Wir sind nun im Jahre 2015 angekommen zum 82-jährigen Bestehen der Kolonie. Es leben immer noch Gründungsmitglieder und können von der Vergangenheit erzählen, aber viele sind schon verstorben.

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Die Landwirtschaft hat sich natürlich verändert. Der Weinanbau ist so gut wie eingestellt, bedingt durch das Verschwinden der Weinkellereien in der benachbarten Kolonie Independencia. Der Yerba Anbau hat sich behaupten können. Einerseits ist dies verständlich, nachdem der Erlös aus diesem Produkt annehmbar ist. Ebenfalls sind die Lieferwege kurz, nachdem die Yerbafabrik „Aromatica“ seit 46 Jahren in der Kolonie besteht und die Nachfrage nach ihren Produkten ständig steigt.

Man erkannte auch, dass die Rodungen für Ackerflächen nicht unbedingt das Beste für die Umwelt waren, heute ist das Schlagen von Wald reglementiert. Dadurch kam der Gedanke “Nachhaltigkeit“ auf und im Zuge dessen wurde wieder Wald gepflanzt, mit Masse Eukalyptusbäume. Soja und Mais kann man noch finden, aber die Anbauflächen sind nicht sehr groß, Viehzucht bestand und besteht immer noch, doch nicht in dem Ausmaß wie im Chaco.

Als Hauptanbauprodukt ist aber das Zuckerrohr zu nennen, es hat alle anderen Feldfrüchte in den Hintergrund gedrängt. Diese Entwicklung hatte sich abgezeichnet. Insgesamt 3 Zuckerrohrfabriken sind nicht allzu weit weg ansässig. In den vergangenen Jahren konnte die Nachfrage nicht gedeckt werden. Auch die Optimierung der Ernte hat dazu geführt, mehr anzubauen.

Früher wurde noch mit der Hand geerntet, heute machen das Erntemaschinen. In den vergangenen Jahren waren schon einige im Umkreis im Einsatz, nun aber haben zwei Landwirte in der Kolonie eine im Besitz, dies verkürzt die Erntezeiten noch mehr.

Doch jeder Fortschritt hat seine Schattenseiten, insbesondere in der Marktwirtschaft bestimmt das Angebot und die Nachfrage den Preis. Und dieser ist vergangenes Jahr kontinuierlich gefallen, teilweise hatten manche Fabriken schon einige Zeit geschlossen um die Nachfrage zu regulieren.

Als weiteren Boom erlebt die Kolonie, wie damals im „Wilden Westen“, das Goldfieber. In der Nähe von Paso Yobai wurde Gold gefunden und diese Auswirkung bekommt die Kolonie zu spüren. Eine kanadische Firma, LAMPA, ist zuständig für die Erschließung und hat schon bei einigen Kolonisten Land gepachtet oder auch gekauft.

Die Verkehrsanbindung der Kolonie besteht im Moment noch aus einem Erdweg, es sind aber schon Pflasterarbeiten im Gange. In der Ortschaft Paso Yobai wurde bereits asphaltiert und begonnen, auch Pflastersteine in der weiteren Umgebung zu verlegen. Diese werden im Laufe der Zeit durch die Kolonie und dann weiter bis zur Kolonie Independencia fortgeführt werden. Gleichzeitig wird die Holzbrücke über den Tebicuary Mi Fluss durch eine Betonbrücke ersetzt, die Arbeiten hierfür haben ebenfalls begonnen.

In den Anfangszeiten musste jeder Siedler seinen eigenen Brunnen schlagen um an Wasser zu gelangen. Diese bestehen bis heute noch. Die Probleme weltweit mit dem sinkenden Grundwasserspiegel haben auch vor der Kolonie nicht halt gemacht. Viele Brunnen mussten nachgegraben oder sogar Tiefbrunnen gebohrt werden.

Dieses Problem hat sich verbessert nachdem die Kolonie an eine zentrale Wasserversorgung angeschlossen worden ist. Sie funktioniert schon, wenn es auch ab und an zu Problemen kommt.

Vor fünf Jahren hatte noch nicht viele Leute in Paraguay ein Handy, mittlerweile mindestens jeder eines. Auch der Internetzugang wurde durch das aufstellen von Sendemasten großflächig abgedeckt.

Die Schule besteht kontinuierlich weiter, natürlich auch durch Spenden unterstützt. Der deutsche Botschafter, Herr Dr.Claude Robert Ellner, hat sie ebenfalls besucht.

Der Sportplatz wird jedes Wochenende regelmäßig durch Fußballer und Volleyballspieler besucht, es finden Schulfeste und Sportfeste statt, insbesondere die Theateraufführungen sind weitläufig bekannt und von nah und fern gerne besucht.

Selbstverständlich ist die Kolonie Sudetia kein Vergleichsmaßstab zur Kolonie Independencia oder anderen deutschen Kolonien. Es gibt keinen großen Supermarkt und auch kein deutsches Restaurant, man vermisst es aber auch nicht.

Die Ereignisse, die sich verändert haben, sind sicherlich enorm, festellen muss man aber, dass die Wandlungen in den letzten fünf bis sieben Jahren schwerwiegender waren als in den 50 Jahren davor. Diese Geschwindigkeit, im Zusammenhang mit den neuen Technologien, erfordert freilich auch das Anpassen des Denkens an die moderne Welt. Sicherlich nicht immer einfach, diese Gratwanderung zu gehen.

Am 27.10.2013 fand das 80 jährige Gründungsfest der Kolonie mit großem Anklang statt.

Unter den Sudetendeutschen ist mittlerweile ein Streit entbrannt, es geht um eine Neufassung der Vereinssatzung. Dabei steht der Paragraf drei im Fokus, bei dem es um „Wiedergewinnung“ und „das Recht auf Rückgabe bzw. gleichwertigen Ersatz oder Entschädigung des konfiszierten Eigentums der Sudetendeutschen zu wahren“ geht, den Artikel zu diesem Thema können Sie hier nachlesen.

Am vergangenen Wochenende verstarb Siegfried Stein nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 69 Jahren, er war langjähriger Sportpräsident und der informelle Bürgermeister der Kolonie nach außen hin. Diese Chronik ist ihm gewidmet.

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