Überleben oder verabschieden?

Asunción: Der Österreicher Georg Birbaumer, der als Experte für ländliche Entwicklung gilt, erkannte in einer Studie, wie die Einnahmen von Kleinbauern immer weiter zurückgingen. Hier ein ausführliches Interview.

Befragt wurden über einen Zeitraum von 23 Jahren über 2000 Kleinbauern mit Grundflächen von 2 bis 20 Hektar. Während 1990 eine Familie mit etwas Land noch 15 Millionen Guaranies jährliche Einnahmen verzeichnete, war es in 2013 nur noch 5,5 Millionen Guaranies. Heutzutage produzieren 41% der Kleinbauern nur um zum Überleben und nicht um Ernten außerhalb zu veräußern.

Birbaumer arbeitete für die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) sowie als Berater für landwirtschaftliche Initiativen. Er veröffentlichte sein Buch: La degradación de la agricultura familiar en el Paraguay ¿Sobrevivencia o desaparición? – Der Rückgang der familiären Landwirtschaft in Paraguay – Überleben oder verabschieden?

Welche Fragen stellte man bei der Umfrage und welche Resultate haben 23 Jahre der Untersuchung in dem Bereich?

– Wir fragten was die Einnahmen aus dem Verkauf der landwirtschaftlichen Erzeugnisse waren und wie viel sie Gelder aus anderen Arbeiten außerhalb des Bereichs erhielten. Wir machten die Umfrage zu fünf verschiedenen Zeitpunkten, beginnend 1990 und endend 2013. Die Resultate sind im ersten Teil meines Buches zu finden, im zweiten Teil geht es um die Erfahrungen der Bauernfamilien in internationalen Hinsicht. Im Jahr 1990 verdiente eine Bauernfamilie mit einem Grundstück von 20 ha noch 15 Millionen für den Verkauf der angebauten Erzeugnisse. Im Jahr 2013 waren es bei gleichbleibender Fläche nur noch 5 Millionen Guaranies, unabhängig davon ob es technische Hilfe gab oder nicht. Die Einnahmen von Arbeiten außerhalb des landwirtschaftlichen Bereichs stiegen jedoch an, meist um das Fahlen der ersten Einnahmequelle zu amortisieren. Zuwendungen oder Sozialprogramme des Staates ließen die Einnahmen in dem Bereich von 700.000 Guaranies jährlich auf fast 8 Millionen Guaranies im gleichen Zeitraum ansteigen.

In welchen Bereichen wurde die Umfrage gemacht?

– In den Departements Concepción, San Pedro, Caaguazú, Caazapá und Paraguarí. Das sind die Departements wo es arme Campesinos des Typs gibt.

Zu welcher Erkenntnis führte ihre Untersuchung?

– Dass die Unterstützung des landwirtschaftlichen Bereichs durch die paraguayische Regierung oder Institutionen wie die GIZ, die Weltbank, Interamerikanische Aufbaubank (BID) oder JICA nicht ausreichend sind, um eine spürbare Menge an Bauern aus der Armut zu helfen. Von den 240.000 Grundstücken sind 41% unwirtschaftlich, weil nichts übrig bleibt um notwendige Sachen zu kaufen.

Was ist ihre Meinung zur Absicht die Schulden der Bauern zu subventionieren?

– Für jedes Finanzsystem ist ein Schuldenerlass ein Desaster, es stört den Willen seine eigenen Schulden zu zahlen, wenn man sie hat. Die Kondition von “kleiner als 30 ha“ bedeutet, dass der Nachbar mit 31 ha keine Hilfe bekommt während dem anderen mit 29 ha geholfen wird. Daraus resultierend hat der Eine eine Chance auf Zukunft und der andere nicht. Ein großer Teil der Schuld fällt auf die privaten Finanzinstitute. Ohne gute wirtschaftliche Bildung werden ihnen mit nur einer Unterschrift 3 Millionen Guaranies gegeben. Die Zinsen auszurechnen, schaffe viele von ihnen nicht.

Passiert so etwas Ähnliches auch bei staatlichen Banken?

– Bestimmt, da bei Kreditanträgen von Campesinos als Garantien Ochsen, Kühe oder ein Kühlschrank aufgelistet werden. Kredite wie der Crédito Agrícola de Habilitación (CAH) müssen den Bauer bei der Implementierung begleiten, in der Praxis tuen sie das aber nicht und keiner weiß wo das Geld hinfließt. Wenn jemand krank wird oder das neue Schuljahr beginnt haben sie niemals Geld und mit dem Gang zum Finanzinstitut beginnt der Kreis, der ihnen schlussendlich nicht hilft.

Welche Bereiche haben ihre Hegemonie verloren?

– Baumwolle, wegen der Verringerung der Anbaufläche. Dies ist nichts für einen Kleinbauern. Wenn jemand mit Baumwolle Gewinn erwirtschaften will muss er mindestens 500 ha anbauen und braucht dann Maschinen, die teuer sind. Für Mais braucht es wenigstens 100 ha. Auch Zuckerrohr verlor an Einfluss. In anderen Teilen der Welt sitzt der Produzent im Mittelpunkt einer Anbaufläche von 4.000 ha, in Paraguay ist das nicht so.

Welche Strategien sollten implementiert werden, um die Situation der Bauern zu verbessern?

– Es müssen Gesetzte modifiziert werden und es braucht eine Steuerreform, bei der die mehr zahlen, die mehr haben, ohne Privilegierte. Ich habe bei der Ausarbeitung eines Projekts geholfen, wo die Großgrundbesitzer zur Kasse gebeten werden. Damit könnten problemlos 300 Millionen US-Dollar jährlich eingenommen werden. Auch die Stadtverwaltungen können mit den Einnahmen aus der Grundsteuer einige Hektar kaufen und den Landspekulanten den Wind aus den Segeln nehmen. Es ist unglaublich wie im Chaco die Grundstückspreise um 2.000% angestiegen sind. Es gibt keine andere Industrie, die so ertragreich ist.

Wie wird die familiäre Landwirtschaft in anderen Teilen der Welt gehandhabt?

– Jahr für Jahr werden die Familien weniger wegen des wirtschaftlichen Drucks. Die Bauern müssen immer mehr Einkünfte aus anderen Arbeiten generieren, um zu überleben. In Europa und Asien sind kleine Ortschaften in unmittelbarer Nähe der Felder, sodass man schnell eine Arbeit im Umkreis findet oder die Ernte veräußern kann, während in Paraguay es durchschnittlich 40 km Entfernung zum nächsten Ort sind.

Wochenblatt / Última Hora

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4 Kommentare zu “Überleben oder verabschieden?

  1. Man kann nicht stets seinen Gewinn essen, für Konsumgüter sowie die Ernährung seiner 23 Kinder ausgeben und null Guaranies investieren. Diejenigen, die das eben nicht gemacht haben, konnten sich vergrößern und haben die Kleinen verdrängt, indem sie heutzutage günstiger produzieren. So ist da nun mal.

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