Junge Israelis in Berlin

Sie sind jung, links und kreativ – immer mehr Israelis leben in Berlin. Dort, wo sich 70 Jahre nach dem Ende des Holocaust jüdische Sportler für die Europäischen Makkabi Spiele erstmals auf deutschem Boden treffen. Die Neu-Berliner fühlen sich allerdings in erster Linie als Israelis und nicht als Juden.

Berlin (dpa) – Was er an Deutschland nicht mag? Da muss Ohad Ben-Ari lange überlegen. «Das Wetter könnte manchmal schöner sein», meint der 40-jährige Israeli und lacht. Seit fünf Jahren lebt der Pianist und Komponist in der deutschen Hauptstadt. Ben-Ari ist einer von geschätzt 11 000 jüdischen Israelis, die sich in Berlin niedergelassen haben – einer Stadt, in der sie auf Schritt und Tritt mit der Erinnerung an die barbarischen Auswüchse der deutschen Geschichte konfrontiert werden. Einer Stadt aber auch, in der viele vom Nahost-Konflikt geprägte Israelis sagen: «Jetzt kann ich endlich mal wieder frei atmen», wie die Migrationsforscherin Dani Kranz erzählt, die selbst einen israelischen und einen deutschen Pass hat.

Jung, links, gebildet und säkular. So könnte man nach den Worten von Kranz die Israelis charakterisieren, die Berlin zu ihrem neuen Lebensmittelpunkt machen – auf Zeit oder auf Dauer. Die meisten Israelis in Berlin hätten deutsche oder osteuropäische Vorfahren. Seit rund zehn Jahren zieht es immer mehr junge Juden nach Deutschland. Zum ersten Mal finden bis zum 5. August auch die Europäischen Makkabi Spiele für jüdische Sportler in Berlin statt.

Allerdings: «Israelis ziehen nach Berlin, nicht nach Deutschland», betont Kranz, die für die Bertelsmann Stiftung eine Studie über Israelis in Berlin erarbeitete. Erst kamen Künstler und Partypeople, die «Meschugge Party»-Reihe von DJ Aviv Netter ist inzwischen legendär. Jetzt sind es auch Ingenieure, IT-Spezialisten, Gastronomen und Start-up-Unternehmer. Die kursierende Zahl von 30 000 Israelis in Berlin sei aber deutlich zu hoch gegriffen, sagt Kranz, die die Statistiken ausgewertet hat. In ganz Deutschland lebten etwa 15 000 bis 16 000 Israelis.

Hebräisch ist in Berlin an vielen Ecken der Stadt zu hören. Denn auch die Zahl israelischer Touristen steigt rasant: Mehr als 100 000 waren es 2014, rund 22 Prozent mehr als im Vorjahr. «Dieser Positivtrend mit starken Zuwächsen setzt sich 2015 fort», erklärt der Tourismusverband Visit Berlin. «Über die letzte Generation hat sich die Meinung vieler Israelis über Deutschland verändert», sagt Pianist Ben-Ari. «Berlin ist als Kulturstadt wie ein Magnet.»

Die Gründe junger Israelis, ihre Heimat für längere Zeit zu verlassen sind vielfältig. Auch die Aussicht auf niedrigere Lebenshaltungskosten gehört dazu. «Für Künstler wird es in Israel immer schwieriger – nicht nur zu leben, sondern auch zu arbeiten», sagt Ben-Ari. «Berlin ist im Vergleich mit anderen Metropolen immer noch billiger. Hier sind zum Beispiel viel günstigere Ateliers zu finden.» Kurzzeitig berühmt wurde der junge Israeli Naor Narkis, der den Kassenzettel für einen spottbilligen deutschen Discounter-Schoko-Pudding auf Facebook postete und seine Landsleute aufrief, nach Berlin auszuwandern.

In Israel sei es üblich, nach dem Militärdienst – der für junge Männer drei und für Frauen zwei Jahre dauert – auf große Reise zu gehen, sagt Tamar Lewinsky, Historikerin und Kuratorin am Jüdischen Museum Berlin. «Viele machen Weltreisen. Indien und Südamerika sind sehr beliebt. Oder man entschließt sich, erstmal in eine Großstadt zu gehen. Früher war das eher New York, das kann man sich jetzt nicht mehr unbedingt leisten.» Da kommt Berlin ins Spiel.

Die dritte Generation habe ein sehr viel entspannteres Verhältnis zu den Deutschen, sagt Lewinsky. «Deutsch-jüdische Vergangenheit ist ja nicht nur Holocaust, sondern auch die Zeit vor 1933.» Aber natürlich gebe es in einzelnen Familien ziemliche Auseinandersetzungen, wenn ein Familienangehöriger im Land der Täter leben will. «Nicht zuletzt, wenn junge Leute der Liebe wegen in Deutschland bleiben. Das ist eine sehr große Zahl.»

An die Gräueltaten der Nationalsozialisten erinnern in Berlin nicht nur das Holocaust-Mahnmal oder das Dokumentationszentrum Topographie des Terrors, sondern auch die vielen Stolpersteine vor Häusern, aus denen Juden von den Nazis verschleppt und ermordet wurden. «Ich finde es eigentlich schön, dass es solche Projekte gibt», sagt Pianist Ben-Ari. «Es ist auch beruhigend, dass die Geschichte nicht verloren ist.»

In ihrer Umfrage hätten 80 Prozent der Befragten angegeben, es sei für sie nicht schwierig mit der deutschen Vergangenheit hier zu leben, sagt Forscherin Kranz. «Der Alltag ist pragmatischer. Da gibt es eine Normalisierung zwischen beiden Seiten. Aber die Stadt schreit einen natürlich an mit dieser Symbolik und dieser Geschichte», erklärt Lewinsky. Und: 20 Prozent der von Kranz für ihre Studie befragten Israelis gab an, im Alltag schon Antisemitismus erlebt zu haben.

Mit der Religion haben die meisten Berliner Israelis nichts am Hut. Nur wenige suchen Kontakt zu den jüdischen Gemeinden. «Die deutsch-jüdische und die israelisch-jüdische Identität ist komplett verschieden», so Kranz. «Keiner, den ich kenne, gehört zur Jüdischen Gemeinde», sagt Ben-Ari. «Die Israelis in Berlin verstehen sich in erster Linie als Israelis und in zweiter Linie als Juden», erklärt Lewinsky.

Die 38-jährige Israelin Yael Ronen, Regisseurin am Berliner Gorki Theater, greift in ihrem neuen Stück «The Situation» (Uraufführung 4.9.) die Lebensumstände der aus dem Nahen Osten kommenden Neu-Berliner auf. Dabei gehe es um die Suche nach einem «Leben jenseits der Kriege», so das Theater. Wer auf Hebräisch oder Arabisch auf die aktuelle politische Lage des Nahen Ostens anspielen wolle, spreche einfach von «The Situation». In Berlin treffen die vielen verschiedenen Menschen mit «Situation»-Hintergrund jetzt aufeinander. «Sie kommen aus Israel, Palästina oder Syrien. Dort hält der Konflikt ihre Leben auseinander, aber im Berliner Kiez wohnen sie jetzt Tür an Tür.» Auf der Bühne werden Schauspieler stehen, deren Biografien mit dem Nahost-Konflikt verknüpft sind.

Für Künstler sei es wichtig, einen «Freiraum im Kopf» zu haben, sagt Musiker Ben-Ari. «Berlin ist zwar eine Metropole, trotzdem hat man das Gefühl, dass es locker ist.» Und was schätzt Ohad Ben-Ari besonders an den Berlinern? «Ihren Respekt für Andere und die Umwelt – und ihre Coolness, das finde ich super», sagt der Familienvater, der im Herbst in Berlin das erste ID Festival für in Deutschland lebende israelische Künstler veranstalten wird. «Ich sehe diesen Ort als perfekten Ort für mich.»

Von Elke Vogel, dpa

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1 Kommentare zu “Junge Israelis in Berlin

  1. Kein Wunder, das es Israelis/Juden gibt die lieber in Deutschland leben. Wer, mit Verstand, will schon in einer Diktatur wie der faschistuiden zionistischen in Israel leben? Allerdings sehe ich auch Deutschland auf einem seltsamen Weg. Die deutsche Regierung unterstützt die USA ebenfalls bei ihrem weltweiten Massenmord und Terrorismus, und unterstützt offen und mit deutschen Steuermitteln eine faschistische Diktatur in der Ukraine. Ach ja, und nicht vergessen, die AtomU-Boot Geschenke an Israel, obwohl es doch Israelische Politiker gibt, die erst noch vor wenigen Monaten forderten, die deutschen Großstädte mit Atombomben auszulöschen, “dann hätte man das Problem endlich gelöst”, welches auch immer sie mit Deutschland haben!? Sie werden doch mit, vom deutschen Steuerzahler finanzierten Waffen versorgt. Die gesamte sogenannte westliche Welt ist sowas von am Ende und scheint eigentlich nur noch nach dem Motto zu gehen, entweder wir siegen oder wir nehmen noch so viele wie möglich mit in den Abgrund. Ganz Lateinamerika und alle mit Restverstand sollten einen riesen Bogen um diese Titanic machen damit sie nicht in den Strudel geraten.